Beneath the Surface/Prolog: Unterschied zwischen den Versionen
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Aktuelle Version vom 20. Juli 2026, 18:51 Uhr
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Der Prolog ist der Beginn von Teil 1 der Kerngeschichte Beneath the Surface.
Inhalt
"Es ist allgemein akzeptiert, dass die Beziehung zwischen Realität und Fantasie eine einseitige ist; durch diverse äußere Stimuli wird die Vorstellungskraft der Menschen dazu angeregt, weit über das Beobachtete hinausgehende Bilder zu produzieren, doch die Umsetzung solcher Bilder in der Realität ist entweder nicht möglich oder eher als Produkt menschlicher Arbeit als der Fantasie selbst zu betrachten. Diese Sichtweise ist nur eine von vielen, die ich hier anfechten möchte. Tatsächlich ist es nämlich so, dass schon die reine Existenz der Bilder in der Fantasie einen maßgeblichen Einfluss auf Form und Inhalt unseres Universums ausübt - wenngleich dieser an der Oberfläche kaum zu sehen ist." [1]
Es begann mit einem Vertrag.
Solch eine grandiose und doch uninformative Aussage weckt Gedanken an Pakte mit dem Teufel oder intergalaktische Friedensabkommen, aber davon ist hier nicht die Rede. Es handelte sich in diesem Fall um nichts weiter als einen vollkommen ordinären Dienstleistungsvertrag.
Auf der einen Seite stand die Dienstgeberin: Eine wohlhabende und gebildete junge Frau namens Katharina Eisner. Ersteres war nicht überraschend, denn der Dienst, um den es ging, war nicht billig. Als Tochter und Alleinerbin eines verstorbenen exzentrischen Millionärs war sie keine unübliche Zielgruppe. Ungewöhnlicher war dagegen die völlig akademische Natur sowohl ihrer bisherigen Ausbildung als auch ihrer gegenwärtigen Tätigkeit. Eine frisch aus dem Physikstudium kommende Wissenschaftlerin hatte üblicherweise wenig Grund, solche Dienste in Anspruch zu nehmen, aber die andere Seite wusste es besser, als solch Details zu hinterfragen.
Die andere Seite, das war in diesem Fall die fast allgegenwärtige und doch ungreifbare Schwarzmarktorganisation: Der Market. Von Diebesgut bis Auftragsmord ließ sich von ihr alles Erdenkliche erstehen, das auf irgendeine Weise mit dem Gesetz in Konflikt stand, doch hier ging es um einen weit weniger sinistren Dienst. Es sollte lediglich diskret und ohne jegliches Aufsehen zu erregen ein Leibwächter bereitgestellt werden, um Frau Eisners Sicherheit beim Durchführen einiger streng geheimer Untersuchungen zu gewährleisten.
Von diesen beiden nur leicht ungewöhnlichen Parteien wurde eine nur leicht ungewöhnliche Tätigkeit in einem vollkommen gewöhnlichen Vertrag vereinbart, dessen Inhalt niemanden außer den direkt Beteiligten betraf. Trotz alldem sollte er in der nahen Zukunft eine tragende Rolle in durch und durch außergewöhnlichen Geschehnissen spielen, deren Einfluss sich über die ganze Welt erstrecken würde - und noch viel weiter.
Wenige Minuten nach Vertragsabschluss
In einiger Entfernung stehende Laternen warfen schwaches Licht auf den Straßenrand, an dem ein teurer, aber auf den ersten Blick dennoch unscheinbarer, schwarzer Wagen parkte. In einen ähnlich dunkel gefärbten Anzug und Hut war der alte Mann gekleidet, der mit einer Hand die Hintertür des Autos öffnete und gleichzeitig die andere seinem Begleiter hinstreckte.
"Also dann, Jules. Viel Erfolg bei deinem neuen Auftrag!"
Welchen Ausdruck er auf seinem faltigen Gesicht trug, war in der Dunkelheit kaum zu erkennen und der fröhliche Klang seiner Stimme lag in einem Bereich, der genauso gut ehrliche Freude wie Spott repräsentieren konnte, aber trotzdem erwiderte der Angesprochene den Händedruck ohne jegliches Misstrauen.
"Ihnen auch viel Glück mit Ihrer Arbeit. Ich werde versuchen, mich hin und wieder persönlich zu melden."
Der Alte nickte noch einmal zustimmend und verschwand dann im Inneren des Autos. Einen Moment später erwachte der Motor zum Leben und das Fahrzeug bewegte sich innerhalb weniger Sekunden um die nächste Kurve und aus dem Blick.
Jules wandte sich von der Straße ab und blickte zurück zum Hintereingang des kleinen Lokals, in dem das Geschäft stattgefunden hatte. Die einsame, über dem Durchgang montierte Lampe war der Straßenbeleuchtung keine große Hilfe beim Erhellen der Nacht, doch die junge Frau, die sich mitten in ihrem Lichtkegel platziert hatte, war gut sichtbar. Ihr Äußeres bildete in fast jeder Hinsicht einen drastischen Gegensatz zu Jules': Er überragte ihre zierliche Figur um fast zwei Kopflängen, und sein Brustkorb wirkte breiter als ihre Schultern. Während Jules in einen schwarzen Mantel gehüllt war, trug die Frau der ganz und gar nicht akademisch anmutenden Umgebung zum Trotz einen blendend weißen Laborkittel. Sein Haupt war von dunklem Haar und Bart umhüllt, ihre Haare hatten eine strahlend helle, blonde Färbung.
Katharina Eisner, seit wenigen Minuten glückliche Auftraggeberin eines illegalen Geschäftes, sprach den Mann an, als er sich näherte. "Du scheinst mit diesem Notar ja sehr gut auszukommen, mein Leibwächter. Geht es bei euch in der Organisation immer so freundschaftlich zu?"
Jules betrat das Licht und hob dabei verwundert eine Augenbraue. "Nein, das ist schon eher ein Ausnahmefall. Er fungiert normalerweise auch nicht als Notar, aber aus persönlichen Gründen wollte er heute selbst dabei sein. In einem Wort würde ich ihn als meinen Mentor bezeichnen. Davon mal abgesehen - halten Sie dieses 'mein Leibwächter' wirklich für notwendig, Frau Eisner?"
Die junge Frau gab ein kurzes, für das geübte Ohr offensichtlich falsches Husten von sich und lächelte ihn dann selbstbewusst an. "Als verrückte Wissenschaftlerin kann ein bisschen grandiose Ausdrucksweise hier und da nicht schaden. Man hat schließlich ein Image zu wahren."
Jules erwiderte nichts und hielt seine Augenbraue in ihrer fragenden Stellung. Er hatte im Voraus ausreichend Informationen über seine neue Auftraggeberin erhalten, um mit ziemlicher Sicherheit zu wissen, dass so ein Image nicht mal ansatzweise existierte, aber für den Moment schien es besser, ihre Aussage einfach mal so stehen zu lassen.
Doch offenbar hatte auch sein Schweigen eine gewisse Aussagekraft, denn nach einem kaum merklichen Zucken ihrer Mundwinkel erweiterte Frau Eisner lächelnd ihre Aussage. "Aber gut, wenn wir schon beim Thema sind, klären wir es am besten gleich. Was wäre denn eine akzeptable Alternative zu 'mein Leibwächter'?"
Während sie sprach, begann sie sich vom Lokal zu entfernen. Jules folgte ihr unaufgefordert und beantwortete gleichzeitig ihre Frage. "Ich würde es ehrlich gesagt bevorzugen, einfach nur Jules genannt zu werden."
"Ach so?", sagte Frau Eisner und bog in eine Quergasse ein. "In dem Fall bin ich mit 'Sie' und 'Frau Eisner' ebenfalls nicht ganz zufrieden. Jules ist immerhin dein Vorname, nicht wahr? Wenn nur du in der Anrede eine höfliche Distanz wahrst, wirkt das so unterwürfig. Auf lange Sicht wäre mir das höchst unangenehm."
Jules schüttelte den Kopf, obwohl die vor ihm gehende Frau das natürlich nicht sehen konnte. "Es ist nicht mein echter Vorname. Mehr so eine Art Codename. Kommt beim Market öfter vor."
"Soso, ein Codename." Sie legte nachdenklich eine Hand ans Kinn und fuhr nach einer kurzen Pause fort. "Dann sollte ich mir der Fairness halber wohl auch einen Codenamen zulegen. Idealerweise etwas, das in Kombination mit deinem gut klingt. Hmmm ..."
Mittlerweile hatte sich ein breites Grinsen auf das bärtige Gesicht des Leibwächters geschlichen, der sich nun wirklich nicht erwartet hatte, dass es bei diesem Auftrag so locker zugehen würde. Abrupt und mit einem enthusiastischen Fingerschnippen drehte sich die junge Frau zu ihm um, und er brachte seine Gesichtsmuskulatur mit beeindruckender Geschwindigkeit wieder unter Kontrolle, bevor sie etwas bemerken konnte.
"Nenn mich Kate. Jules und Kate, das passt doch wie die Faust aufs Auge. Mit so einem hochdynamischen Teamnamen kann unsere Zusammenarbeit ja nur Früchte tragen!"
Auch wenn er es schaffte, seinen Gesichtsausdruck neutral zu halten, konnte Jules nicht verhindern, dass aus seiner Stimme ein gewisses Amüsement abzulesen war. "Na schön Kate. Da wir die lebenswichtigen Angelegenheiten aus dem Weg geschafft hätten, können wir uns ja anderen Fragen zuwenden. Wohin sind wir eigentlich gerade unterwegs?"
"Wir sind schon fast dort", erwiderte Kate und bog erneut ab. "Mein Vater hat die Materialien, mit denen ich mich beschäftigen werde, in einem Haus in dieser Gegend gesammelt. Es ist wahrscheinlich keine gute Idee, diese Sachen ständig zu transportieren und möglicherweise dabei zu verlieren, also werde ich - oder besser gesagt wir - für den Forschungszeitraum auch direkt dort wohnen."
Soweit passte das zu den Angaben des Vertrags. Personenschutz rund um die Uhr, auf unbestimmte Zeit und in einer gemeinsamen Unterkunft, um die Sicherheit von Katharina Eisner bei der Untersuchung von Materialien aus dem Nachlass ihres verstorbenen Vaters zu gewährleisten. Allerdings blieb eine Frage, die schon diese Beschreibung aufgeworfen hatte, noch unbeantwortet.
"Um was für Materialien handelt es sich hier eigentlich? Ich bin zwar kein Experte, aber es kommt mir doch seltsam vor, dass du als Wissenschaftlerin genug Gefahr ausgesetzt bist, um einen Leibwächter zu benötigen."
"Verrückte Wissenschaftlerin, wenn ich bitten darf", meinte Kate und blickte sich nervös um, während die Beiden in eine neue Gasse einbogen.
Diesmal handelte es sich um eine Sackgasse, also lag hier wohl das Ziel. Auf beiden Seiten drängten sich altmodische Häuser verschiedener Größenordnungen, wie es für die Gegend typisch war. Zu dieser nächtlichen Stunde war in keinem einzigen Fenster Licht zu sehen, aber die hier und da durch die Straßenbeleuchtung sichtbar gemachten kleinen Vorgärten deuteten darauf hin, dass jedenfalls der Großteil der Häuser bewohnt war. Das Ende des Weges bildete ein einzelnes Haus, das zwar nicht viel größer als die umliegenden war, durch den bewusst imponierenden Baustil und den etwas umfangreicheren Garten aber trotzdem deutlich hervorstach. Vielleicht hatte es einmal einer wichtigen Persönlichkeit gehört.
Auf ebendieses Haus hielten sie zu, während Kate im Flüsterton fortfuhr. "Ich habe selbst noch nicht viele Details erfahren, aber genau das macht es so schwer, das Risiko einzuschätzen. Meinen bisherigen Informationen nach kann es durchaus sein, dass diese Materialien die größte Entdeckung der Geschichte enthalten. Und anscheinend gibt es bereits Menschen, die seit langer Zeit davon wissen und versuchen es geheim zu halten. Wer weiß, wo diese Leute ihre Ohren haben und was sie tun würden, wenn sie hiervon erfahren."
Die Sache begann Dimensionen anzunehmen, bei denen Jules sich nicht ganz wohl fühlte, aber davon ließ er sich nicht einschüchtern. Als Mitarbeiter des Market hatte er etwas mehr von gewissen verborgenen Seiten der Welt gesehen als der durchschnittliche Mensch, also hatte er eine recht gute Vorstellung davon, um welche Risiken Kate sich sorgte und wie er im Rahmen seiner Pflicht damit umzugehen hatte.
Er betrat hinter Kate den Garten des Hauses am Ende der Sackgasse und antwortete ihr nickend. "Verstanden. Dann sprich am besten nicht weiter darüber, bis du dir sicher bist, dass niemand unerlaubt zuhört. Ich bin hier, um für deine Sicherheit zu sorgen, also werde ich sie nicht durch überflüssige Fragen gefährden."
Sie lächelte ihn über die Schulter an und kramte gleichzeitig einen Schlüsselbund aus der Innentasche ihres weißen Kittels. "Danke. Im Haus sollten wir keine Probleme haben, also kann ich dir später noch etwas mehr erklären."
Kate schloss die Tür auf und Jules bemerkte, dass es sich dabei um eine offensichtlich recht hochwertige Sicherheitstür handelte. Auch die Fenster, insofern die diversen Lichtquellen den Blick auf sie erlaubten, machten trotz des scheinbaren Alters des Hauses einen modernen Eindruck. Als er sich aufmerksam umblickte, entdeckte er knapp unter dem Dach verborgen einige Formen an der Hauswand, die durchaus Kameras sein konnten. Anscheinend hatte jemand, wohl entweder Kate oder ihr Vater, es mit dem Schutz dieses Hauses ziemlich ernst genommen.
Lautlos schwang die Tür nach innen auf, die Beiden betraten das Haus, und Kate verschloss die Tür sofort wieder. Hörbar erleichtert atmete sie aus und hängte ihren Laborkittel an der Wandgarderobe neben dem Eingang auf. Jules, der ebenfalls im Begriff war, seinen Mantel auszuziehen, bemerkte erst jetzt, dass der Kittel aus ähnlich dickem Stoff bestand wie eine Jacke. Ihm war zwar nicht bewusst gewesen, dass so etwas überhaupt existierte, aber angesichts der winterlichen Temperaturen dieser Dezembernacht schien es durchaus sinnvoll.
Nachdem auch sein Gewand auf einem Haken gelandet war, drehte er sich zu Kate, die in der Mitte des Vorraumes wartete, und sprach sie an: "Also, was jetzt? Hast du heute Nacht noch etwas vor oder geht es erst mal ins Bett?"
"Ich hatte mir die Nacht sowieso für den Vertragsabschluss freigehalten, also schlage ich vor wir schlafen uns gründlich aus und sehen morgen weiter", erwiderte sie, doch offenbar war das noch nicht alles, denn nach einem etwas nervös klingenden Räuspern setzte sie fort. "Da wäre dann noch eine Sache ..."
Verwunderung kehrte auf Jules' Gesicht zurück, als er Kates plötzliches seltsames Verhalten sah. Unruhig trat sie von einem Bein auf das andere und zupfte mit der rechten Hand am linken Ärmel ihres dicken Pullovers herum. Ihr nach unten gewandtes Gesicht rötete sich leicht und ihr Blick bewegte sich hastig durch den Raum, als hätte sie Schwierigkeiten, ihrem Gesprächspartner in die Augen zu sehen.
Es war schon eine Weile her, dass er einen Anblick dieser Art zu Gesicht bekommen hatte - damals in der 10. Schulstufe bei Gabi Bohrmann aus der Nebenklasse - aber an seine Bedeutung erinnerte er sich nur zu gut. Er war schon damals in keiner guten Position gewesen, mit einer solchen Situation umzugehen und das traf heutzutage erst recht zu. Noch dazu konnte er sich nicht erklären, wie es hier und jetzt überhaupt zu diesem Punkt gekommen war.
"... e-es ist zwar vom Vertrag in der Theorie erlaubt, aber ich hätte lieber ausdrücklich deine persönliche Zustimmung ..."
Was Kate etwas stotternd von sich gab, erreichte ihn nur am Rande, während er versuchte zu verstehen, was hier los war. Es gab seines Wissens zwar keine wissenschaftlichen Erkenntnisse, die gegen Liebe auf den ersten Blick sprachen, aber er war doch überzeugt, dass es in jedem Fall einen gewissen logisch nachvollziehbaren Pfad zwischen dem Blick und der Liebe gab. Das fehlte hier offensichtlich. Der besondere Fall der Liebe zwischen einem Leibwächter und seiner Auftraggeberin war mit Sicherheit das Thema diverser schnulziger Romane, zu deren Zielgruppe er sich nicht zählte, und er konnte sich vorstellen, dass das Konzept angesichts seiner traditionell attraktiven Beschützerrolle in dieser Beziehung psychologisch legitim war, aber noch hatte er nichts getan, was einer solchen Rolle irgendwie entsprechen würde.
"... w-wäre es in Ordnung, wenn ich einige Experimente an deinem Gehirn und Körper durchführe?"
Ein gänzlich unerwarteter Satz riss ihn aus seinen Gedanken, aber er brauchte einen Moment, um tatsächlich zu der offensichtlichen Erkenntnis zu gelangen, dass es sich dabei nicht um einen neumodischen Anmachspruch handelte. Er brauchte zwei weitere, um die Verbindungen zu vorherigen Aussagen seiner nun bittend zu ihm aufblickenden Auftraggeberin zu finden.
Verrückte Wissenschaftlerin hatte sie gesagt.
Zwei Jahre nach Vertragsabschluss
Es war Nacht in der Stadt Güldenband, und selbst die unzähligen Lichter entlang der Straßenränder boten nur einen notdürftigen Ersatz für das Sonnenlicht. Für einige der zentralen Bereiche spielte das keinerlei Rolle und die ordentlich angelegten Straßennetze blieben auch im Dunkeln von emsigem Treiben erfüllt, doch der 16. Bezirk am nördlichen Stadtrand zählte nicht dazu. Hier war die Anordnung der Straßen chaotisch und rein durch historisches Wachstum vorgegeben, und zu dieser Stunde fand sich auf ihnen, bis auf wenige Ausnahmen, keine Menschenseele.
Eine diese Ausnahmen war ein Mann, der sich ruhigen Schrittes durch dieses stumme Labyrinth finsterer Gassen bewegte. Seine imposante Gestalt war in einen schwarzen Mantel gehüllt, dessen Farbe auch seinem Haar und Bart ähnelte. Was sich jedoch drastisch von der düsteren Einheitlichkeit dieses Bildes abhob, war die kleine, bunt gefärbte Tasche in seiner linken Hand, die das Logo einer großen Supermarktkette auf sich trug.
Zielstrebig navigierte er im spärlichen Licht von einer Abzweigung zur nächsten und passierte Haus um Haus, bis ihn ein plötzliches Geräusch innehalten ließ. Mit ruhigen Bewegungen drehte er sich zur Quelle des leisen Quietschens, wo sich soeben eine Tür öffnete und dem Licht des dahinterliegenden Raumes erlaubte, die Straße zu erhellen. Ihrem eigenen Schatten folgend trat eine alte Dame heraus, ließ ihren Blick entspannt über die Nachbarschaft streifen, und erblickte dann den Mann.
"Na so was aber auch", sagte sie überrascht. "Sie sind um diese Zeit noch unterwegs, Jules?"
Jules antwortete mit einem freundlichen Lächeln: "Guten Abend, Frau Höllmann. Ich hatte noch unerwartet eine Besorgung zu erledigen. Was treibt Sie denn im Dunkeln noch vor die Tür, wenn ich fragen darf?"
"Ach, nichts Besonderes." Die Frau atmete tief durch. "Ich schnuppere nur etwas Nachtluft, bevor ich mich mal wieder von der abendlichen Runde Tabletten umhauen lasse. Eine unerwartete Besorgung also? Haben Sie etwa Ihren Hochzeitstag vergessen und in letzter Sekunde noch ein Geschenk aufgetrieben? Ich fürchte, das wird Sie jetzt auch nicht mehr retten."
Mit gespielter Beleidigung hob Jules eine Augenbraue. "Wie ich schon mehrmals erklärt habe, bin ich nicht verheiratet und lebe aus rein beruflichen Gründen mit Frau Eisner zusammen. Und selbst wenn dem nicht so wäre, müsste ich mir wahrscheinlich keine Sorgen machen, denn ganz unter uns war sie die letzten Tage mal wieder so in ihre Arbeit vertieft, dass sie wahrscheinlich gar nicht mehr das Datum weiß."
Frau Höllmann lachte ihr übliches schnatterndes Lachen, das vermutlich genug Ähnlichkeit mit dem einer alten Hexe hatte, um als Hintergrundbeschallung in einer Geisterbahn geeignet zu sein. "Ist das so? In dem Fall richten Sie der jungen Frau schöne Grüße von mir aus und sagen Sie ihr, dass sie sich ruhig auch mal draußen blicken lassen kann."
"Werde ich", nickte Jules. "Dann wünsche ich Ihnen noch eine angenehme Nacht."
Mit diesen Worten verabschiedete er sich und setzte seinen ursprünglichen Weg fort, doch nach wenigen Schritten schallte bereits Frau Höllmanns Stimme hinter ihm her.
"Und geben Sie nicht zu viel Gas bei nächtlichen Besprechungen mit Ihrer werten Geschäftspartnerin, das hält nämlich nicht jedes Bett aus. Weiß ich aus Erfahrung!" Ein Hexenlachen und das Quietschen der schließenden Tür folgten sofort, während Jules nur milde amüsiert mit den Augen rollte und weiterging.
Wie ein stummer Wächter hatte das Haus am Ende der Gasse das Gespräch mit der Nachbarin überblickt, und so stand es auch da, als Jules nun die Tür aufschloss. Es schien nicht so, als hätte Kate ihn kommen gehört, denn das Haus blieb still, während er im Vorraum seinen Mantel aufhängte, die bunte Tasche weglegte, und wieder zusperrte. Als er das Haus verlassen hatte, war sie in eine Tischladung Dokumente und Diagramme vertieft gewesen, also war es nicht weiter verwunderlich, dass sie das Geräusch der Tür nicht mitbekommen hatte. Gewissermaßen war das genau der Grund, warum sie einen Leibwächter brauchte.
Er musste wohl etwas deutlicher auf sich aufmerksam machen, und dank seiner Unterhaltung mit Frau Höllmann hatte er schon eine Idee, die ihm ein schelmisches Lächeln ins Gesicht trieb.
"Schatz, ich bin zuhause!", rief er in mit lauter Stimme in Richtung Arbeitszimmer.
Als Antwort kam weder ein ähnlich scherzhafter Gruß noch ein empörter Aufschrei, sondern lediglich absolute Stille. Erst jetzt bemerkte Jules, dass auf dem Gang keine Spur von Licht aus dem Arbeitszimmer zu sehen war. Verwundert, aber nicht sonderlich besorgt, begab er sich in dieses und betätigte den Lichtschalter.
Große Unordnung schlug ihm entgegen, aber auch das war nicht ungewöhnlich. In Kates Worten hatte Aufräumen nur einen Sinn, wenn verschiedene Menschen sich gleichermaßen zurechtfinden mussten, und da sie stets allein arbeitete, verschwendete sie daran keine Zeit. Doch sie selbst war in dem Chaos aus losem Papier und seltsamen Gerätschaften nicht zu sehen.
Als er gegangen war, hatte sie noch eifrig daran gearbeitet, und er bezweifelte, dass sie in der kurzen Zeit fertig geworden war. Hatte sie eine Pause eingelegt, um sich etwas Schlaf zu gönnen? Es schien die logischste Erklärung und war zugleich erleichternd, denn wie so oft, wenn sie sich in ihre Forschung hineinsteigerte, war Kate die vergangenen Tage praktisch andauernd wach gewesen, was auf Dauer wohl kaum ihrer Gesundheit zuträglich war.
Allerdings hatte sie ihn auch mit dem Auftrag losgeschickt, "dringend" Batterien zu kaufen und sie ihr "sofort" zu übergeben, wenn er zurückkehrte, also hatte er im Rahmen seiner Pflicht keine andere Wahl, als ihre Ruhe zu stören. Die Stiegen auf der rechten Seite des Raumes führten ihn ins Obergeschoss, wo er seine Theorie durch die verschlossene Tür zum Schlafzimmer seiner Auftraggeberin bestätigt fand. Auch wenn sie ihre Paranoia im vollkommen ruhigen und gefahrlosen Verlauf der letzten zwei Jahre nach und nach abgelegt hatte, hielten sich manche Gewohnheiten eben doch, und dazu zählte das Schlafen bei verschlossener Tür.
Jules klopfte ein paar Mal an die Tür und rief "Ich bin wieder da!", doch noch immer kam keine Antwort. Jetzt wurde es verwunderlich. Kate hatte nicht gerade den tiefsten Schlaf und ließ sich auf diese Art sonst leicht wecken. Vielleicht hatte sie sich tatsächlich überarbeitet.
Reines Abwarten und Nachdenken würde sicher keinen Fortschritt bringen, also tippte er mit geübter Hand die Kombination des elektronischen Schlosses ein, wartete einen Moment lang auf das akzeptierende Summen und stieß dann langsam die Tür auf.
Ein unerwarteter Geruch stieg in seine Nase, aber ihm blieb gar keine Zeit, sich davon beunruhigen zu lassen. Noch hatte er das Licht im Schlafzimmer nicht angemacht, aber die Beleuchtung von außerhalb ließ grob erkennen, was sich darin befand.
Ein Schreibtisch, auf dem ein dem Arbeitszimmer nicht unähnliches Chaos herrschte.
Ein Bett, über dessen Fußende wie hingeworfen eine Decke hing.
Und am anderen Ende des Bettes sah er eine junge Frau in einer Haltung, die ihm ein einziges, schreckliches Wort in den Sinn brachte.
Leblos.
Praktisch von selbst betätigte seine Hand den Schalter neben der Tür und die altersschwache Lampe setzte sich flackernd in Betrieb. Das zusätzliche Licht brachte keine Erleichterung.
Als er sie vor zwei Jahren kennengelernt hatte, war Katharina Eisner paranoid gewesen. Obwohl sie keiner ersichtlichen Bedrohung ausgesetzt war, hatte sie permanent um ihr Leben gefürchtet und sich aus diesem Grund sogar einen Leibwächter geleistet. Jules hatte ihre Sorgen zwar nicht für berechtigt gehalten, aber im Rahmen seiner Pflicht hatte er ihr trotzdem den Schutz geboten, den sie brauchte, um zur Ruhe zu kommen.
Und trotzdem lag sie nun hier.
Mehr und mehr Zeit war vergangen, ohne dass irgendjemand auch nur versucht hätte, ihr zu schaden. Mit jedem sicheren Tag war ihre Angst geschrumpft, bis hin zu dem Punkt, an dem sie sich sicher genug fühlte, um ihren Leibwächter zum Einkaufen zu schicken und alleine zurückzubleiben. Ihre Sicherheit war Jules' oberste Priorität, aber da er nicht der Ansicht war, dass tatsächliche Gefahr bestand, war er solchen Aufforderungen stets nachgekommen.
Und deswegen lag sie nun hier.
Ihr Kopf hing leicht über den Bettrand hinaus und war so der Schwerkraft ausgesetzt, wodurch die sich quer über ihre Kehle ziehende Schnittwunde weit offen klaffte und den Blick auf Bereiche des menschlichen Körpers freigab, die unter keinen Umständen sichtbar sein sollten. Ein schwacher, aber stetiger Blutstrom floss aus der Wunde und hinterließ rote Flecken sowohl auf ihrem Gesicht und Haar als auch auf dem Boden darunter. Ihre von dunklen Ringen untermalten Augen waren weit aufgerissen und trugen zu einem schockierten Gesichtsausdruck bei, der den Eindruck erweckte, dass sie von ihrem eigenen Tod aus dem Schlaf gerissen worden war.
Als Leibwächter hatte Jules eine simple Pflicht: Den Schutz seiner Auftraggeberin. Was ihm hier vor Augen lag, war sein vollkommenes Versagen in dieser Pflicht. Er hatte seinen eigenen Pfad im Leben gewählt, bewusst die Entscheidungen getroffen, die er für richtig hielt, und seine Geschichte ein Jahrzehnt lang mit eigener Hand geschrieben, doch wohin hatte ihn das nun geführt? Statt Freiheit und Abenteuer waren es nun Trauer, Zorn, und Schuld, die seine Welt erfüllten. Konnte er in diesem Zustand wirklich noch den Namen "Jules" tragen?
Er atmete tief durch, um seinen rasenden Herzschlag wenigstens etwas zu beruhigen und seine Gedanken auf einen wichtigeren Punkt zu lenken. Was hier stattgefunden hatte, war ganz klar ein Mord, und er war nicht lang her. Jules war nur etwas über eine halbe Stunde außer Haus gewesen, und dass Kate noch genug Zeit gehabt hatte, um zu Bett zu gehen, schränkte den wahrscheinlichen Tatzeitpunkt weiter auf die spätere Hälfte dieser halben Stunde ein. Vielleicht war ihre Kehle durchtrennt worden, während er freundlich mit Frau Höllmann geplaudert hatte. Vielleicht hatte sie noch vergeblich versucht um Hilfe zu schreien, während er im Untergeschoss nach ihr gesucht hatte.
Solche Ideen drängten sich unweigerlich in den Vordergrund und brachten erneut erdrückende Schuldgefühle mit sich, aber der wichtige Punkt, mit dem er sich unbedingt befassen musste, war ein anderer.
Wo war der Mörder?
Die Eingangstür war versperrt gewesen, genau wie sämtliche Fenster und die Tür zum Schlafzimmer. Auf dem Weg nach oben hatte er keine Spur irgendeines Eindringlings entdeckt, und hier, in diesem ursprünglich verschlossenem Raum, war ebenso niemand zu sehen. Es war fast so, als wäre der Mörder aus dem nichts aufgetaucht und wieder dorthin verschwunden. Das klang leider nicht vollkommen unplausibel, wenn er an einige ihm bekannte Inhalte von Kates Forschung dachte.
Aber das allein war noch kein Grund anzunehmen, dass wer auch immer sie getötet hatte nun verschwunden war. Einerseits konnte er sich irren und jemand hatte sich auf ganz gewöhnlichem Wege eingeschlichen, ohne Spuren zu hinterlassen, und versteckte sich immer noch hier. Andererseits konnte jemand, der einmal plötzlich auftauchen und töten konnte, es genauso gut ein zweites Mal tun.
Jules ließ sorgsam seine Augen durch den Raum wandern und lauschte auf jede noch so kleine Bewegung. Er unterdrückte gewaltsam den Strom an Gefühlen, der sich ihm aufzudrängen drohte, und konzentrierte sein gesamtes Bewusstsein darauf, sämtliche Details der Umgebung wahrzunehmen. Und als sein Blick erneut die blutbedeckte Leiche passierte, geschah es.
Über diese leblose Szene, in der sich nichts und niemand bewegte ...
... fiel ein Schatten.
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