Beneath the Surface/Kapitel 1
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"Der Tod und die Seele" ist das 1. Kapitel der Kerngeschichte Beneath the Surface.
Inhalt
"Obwohl kein tatsächlicher Unterschied besteht, ist es für unsere Zwecke vorteilhaft, eine Trennung zwischen dem 'Natürlichen' und dem 'Übernatürlichen' anzunehmen. Ersteres umfasst all jene Bestandteile der Welt, mit deren Beschreibung sich die gegenwärtigen Naturwissenschaften beschäftigen. Letzteres bezeichnet dagegen das, welches sich der Beobachtung durch den Menschen entzieht und somit bis dato beim Aufstellen unserer Modelle und Theorien nie berücksichtigt wurde." [1]
In einem Schlafzimmer, in dem sich vor einem Moment bloß ein Mann und eine Leiche befunden hatten, stand nun eine dritte Gestalt.
"Gestalt" war das passendste Wort, mit dem Jules den Neuankömmling beschreiben konnte, denn selbst in direktem Licht weigerte sich seine Silhouette, jegliche Details preiszugeben. Es schien sich um eine wogende Masse aus Dunkelheit zu handeln, die in ihrer Form an einen vollständig in eine Kutte gehüllten Menschen erinnerte und in gebückter Haltung vor dem blutbefleckten Bett stand. Aber das Befremdlichste war nicht das Aussehen. Es war das Gefühl, das sich in dem Moment, als er diese Gestalt bemerkt hatte, in den Mittelpunkt von Jules' Wahrnehmung gedrängt hatte. War es Kälte? Nein, es war irgendetwas Unbeschreibliches, auf das sein Körper instinktiv mit Gänsehaut und Kältegefühl reagierte. Und parallel dazu stieg eine neue starke Emotion aus seinem Inneren auf - Verwunderung.
Was auch immer er hier vor sich hatte, konnte nur eine Halluzination sein. Wie sonst wäre es möglich, dass er diesen dunklen Fleck mitten in seinem Blickfeld vor einer Sekunde nicht mal ansatzweise registriert hatte? Es war zu absurd, zu unlogisch, um real zu sein. Er hatte mit großer Wahrscheinlichkeit einen Schock erlitten und ...
Jules unterbrach seine eigenen Gedanken und unterdrückte das Gefühl erneut. Es war zwecklos, auf diese Weise seine geistige Gesundheit zu hinterfragen, wenn doch der Mord an Kate in einem leeren, versperrten Raum von vornherein absurd und unlogisch gewesen war. Jeder an Zweifel verschwendete Moment würde ihn nur weiter hinter die Realität zurückwerfen. Wenn er verstehen wollte, was gerade passierte, musste er sich dem Absurden stellen.
Die wogenden Schatten setzen sich in Bewegung und beugten sich näher an den Leichnam, aber gleichzeitig streckte auch Jules die Hand nach ihnen aus. Seine Finger berührten die flüssige Schwärze, er fühlte tatsächliche Kälte an ihrer Oberfläche, und einen Moment lang geschah absolut nichts.
Selbst die wellenartigen Bewegungen, die gerade noch die dunkle Gestalt bedeckt hatten, erstarrten. Eine unglaubliche Spannung erfüllte die Luft, und das seltsame Unbehagen explodierte plötzlich in eine blanke Furcht, die ihn unwillkürlich die Hand zurückziehen und einen Schritt nach hinten machen ließ. Damit erwachte auch das Meer aus Schwärze wieder zum Leben, richtete sich auf, und wandte sich, wie um über die Schulter zu blicken. Tatsächlich wurden dabei zwei rotglühende Punkte in der einförmigen Dunkelheit sichtbar, die den Eindruck von Augen erweckten, und das unerklärliche Angstgefühl bekam eine klare Quelle.
Er hatte es hier nicht bloß mit irgendeiner mysteriösen Erscheinung zu tun. Diese kalte, dunkle Masse war ein lebendes Wesen, und so simpel die roten Augen, die ihm entgegenstarrten auch sein mochten, konnte er aus ihnen doch einen scharfen, zielgerichteten Willen lesen. Den Willen von etwas, das keinesfalls menschlich war. Wie um diesen Schluss zu bestätigen, ertönte nun eine Stimme, die aus jedem Punkt der angesammelten Finsternis zu dringen schien und auf bedrohliche Weise aus ihrem Inneren widerhallte. Es war eine Stimme, die niemals aus Fleisch und Blut stammen konnte und die eine Autorität jenseits des menschlichen Verständnisses vermittelte. Dennoch waren die Worte, die sie sprach, keineswegs fremd.
"Wer wagt es, den Lauf der Natur zu stören? Ein größenwahnsinniger Magier? Dann sollte dir klar sein, dass deine Zeit noch nicht gekommen ist. Mische dich nicht in Dinge ein, die dich nicht betreffen."
Jules erstarrte verblüfft. Was dieses bizarre Wesen von sich gab, ließ es klingen, als wäre es selbst vollkommen natürlich und der Begriff "Magier" etwas ganz Alltägliches. Auch wenn Kate über ihre Forschungen sprach, klang es für ihn oft verrückt, doch immerhin konnte er ihre Aussagen noch irgendwie mit dem vereinen, was er über die Welt wusste. Die Gestalt aus reiner Finsternis vor ihm dagegen wirkte auf jede Art und Weise wie ein Produkt seiner Fantasie. Allerdings traute er seiner Fantasie nicht zu, ihm eine so realistische Halluzination vorzugaukeln, was nur noch eine Schlussfolgerung zuließ. Was er gerade erlebte, war real, und er hatte soeben eine ganze Menge neuer Fragen gefunden, die er bei nächster Gelegenheit irgendjemandem stellen musste. Doch jetzt hieß es erst, sowohl Verwirrung als auch Angst zu überwinden und der dunklen Stimme zu antworten.
"Von wegen, es betrifft mich nicht. Ich bin der Leibwächter dieser Frau. Ich weiß nicht, was du bist oder was ein Magier sein soll, aber in jedem Fall sehe ich es immer noch als meine Pflicht, dich zu fragen: Hast du sie getötet?"
Die Kopfregion der schwarzen Masse neigte sich ruhig und nachdenklich zur Seite. "Du behauptest, nicht zu wissen, was ich bin, aber dennoch nimmst du mich wahr? Wie äußerst kurios. Ein solcher Mensch ist selbst mir noch nicht untergekommen ..."
Langsam wurde Jules ungeduldig. Dafür, dass es soeben aus dem Nichts erschienen war, verhielt sich das Wesen in dieser Situation viel zu gelassen, als wäre es reine Routine, neben Leichen aufzutauchen und nahestehenden Menschen rätselhafte Ausdrücke entgegenzuwerfen. Gleichzeitig war seine Präsenz bei aller Gelassenheit unverkennbar bedrohlich.
"Beantworte einfach die Frage", presste er hervor.
"An dem aktuellen Zustand der Frau trage ich keine Verantwortung. Allerdings scheint hier ein Missverständnis vorzuliegen." Mit diesen Worten erhob die Dunkelheit sich vollständig in eine kerzengerade Säule. "Von meinem Standpunkt aus betrachtet, ist sie im Moment noch nicht tot."
Das ergab bemerkenswert wenig Sinn, fand Jules. "Und was für ein Standpunkt soll das sein? Ich bin mir ziemlich sicher, dass kein Arzt der Welt zu dem Schluss kommen würde, sie wäre noch am Leben."
"Du hast wirklich keine Ahnung, was?", erwiderte sein Gegenüber mit einem Ton, der fast etwas amüsiert klang. "In Ordnung. Mich zu sehen, ohne zu verstehen, muss verwirrend sein. Das ist auch für mich eine neue Erfahrung, also werde ich mir einen Moment nehmen, dich aufzuklären. Es beginnt mit dem sogenannten Prinzip der kosmischen Induktion ..."
"Die kosmische Induktion", unterbrach Jules das Wesen, als plötzlich ein aus Kates Erklärungen vertrauter Begriff fiel, "bezeichnet die Erzeugung von Materie durch nicht-lokalen Einfluss auf das Universum durchziehende Quantenfelder. Ich habe davon gehört."
In einer flüssigen Bewegung glitten die aufgetürmten Schatten einen Schritt näher, und die Stimme sprach weiter: "Also bist du doch weiter eingeweiht, als du zugibst. Ist dir dann auch bekannt, wodurch dieses Phänomen hervorgerufen wird und was seine Folgen sind?"
Darauf hatte er wiederum nur ein Schulterzucken parat. "Alles, was ich weiß, stammt aus den gelegentlichen Monologen der Frau, über deren Zustand wir uns gerade uneinig sind. Ich selbst bin, wie gesagt, nur ihr Leibwächter."
Die düstere Kreatur stand nun direkt vor Jules und überragte selbst seine überdurchschnittliche Größe merklich. Rot glühende Augen blickten herab, und der Widerhall aus dem Inneren der wogenden Schwärze wurde schmerzhaft lauf, als sie das Wort ergriff.
"Wo ein ausreichend fortgeschrittenes Bewusstsein ist, ist auch eine Seele. Und jede Seele versucht ständig, das Universum nach ihren Vorstellungen zu formen. Die Gedanken eines Einzelnen sind zu schwach, um irgendeine Auswirkung zu haben, aber wenn sich viele ähnliche Bewusstseinsströme überlappen, verändert sich dadurch die Realität. Das ist die kosmische Induktion - die angeborene Fähigkeit, die euch Menschen über Kreaturen der reinen Materie erhebt. Und doch scheint ihr das selbst nicht zu verstehen. Ihr lebt in Angst vor dem unausweichlichen Versagen eurer zerbrechlichen Körper, als wäre das Wesentliche an eurer Existenz das Fleisch und nicht die unsterbliche Seele. Als würden all eure Erinnerungen, all euer Wissen und all eure Vorstellungskraft nicht auch ganz ohne lebendigen Körper in dieser fortbestehen. Deswegen, Leibwächter, sage ich, dass die Frau noch nicht tot ist. Schließlich ist ihre Seele vollkommen intakt."
Jules' Augen weiteten sich schockiert, als er den aus diesen Worten strahlenden Hoffnungsschimmer erkannte.
"Du meinst also, wir könnten sie noch retten, wenn wir einfach nur ihren Körper in Ordnung bringen?"
Sofort bereute er die Frage, denn das Wesen begann zu lachen. Kein ansteckendes Lachen, das den Raum erhellte, sondern ein düsterer, unheilvoller Klang, der bis in die Knochen eindrang. Es war ein Lachen wie aus Vorfreude auf das Ende der Welt, mit dem das in Gegenwart dieser finsteren Gestalt ohnehin schon erdrückende Unbehagen noch ein Stück intensiver wurde. Erst nach einigen viel zu langen Sekunden verstummte das Lachen, und ihm folgte aus der Dunkelheit eine herablassende Verkündung.
"Du Narr. Was habe ich gerade erklärt? Die Seele glaubt nicht an ihre eigene Unsterblichkeit. Die Annahme, das Leben wäre vorbei, sobald das Herz aufhört zu schlagen und das Gehirn aufhört zu denken, ist ein tief in der menschlichen Natur verankerter Fehler. Deshalb teilt ihr alle insgeheim diese Vorstellung, dass der Geist mit dem Körper sein Ende finden muss. Und wenn Menschen eine Vorstellung teilen, verursacht die kosmische Induktion eine entsprechende Änderung der Realität."
Ein länglicher schwarzer Fortsatz, mehr Tentakel als Arm, löste sich von der Seite des kuttenartigen Körpers und legte sich vor dessen Brustgegend.
"Die Seele schuf sich selbst einen Mechanismus, der ihre erwartete Auslöschung am Ende des Lebens garantiert. Und aus diesem Grund ... bin ich."
Wie kochendes Wasser gerieten die Schatten an der Oberfläche des erhobenen Armes in Aufruhr und vermittelten Jules eine böse Vorahnung. Ohne seine Aufmerksamkeit von den Worten aus der Dunkelheit zu lösen, hielt er sich bereit, im Bedarfsfall schnell zu reagieren.
Die rot glühenden Augen verengten sich, das furchteinflößende Gefühl in der Luft spitzte sich schlagartig zu, und eine letzte machtvolle Erklärung führte alles bisher Gesagte zu einem klaren Schluss.
"Verstehst du nun, Leibwächter? Ich bin der Tod!"
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