Beneath the Surface/Kapitel 1

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"Der Tod und die Seele" ist das 1. Kapitel der Kerngeschichte Beneath the Surface.

Inhalt

"Obwohl kein tatsächlicher Unterschied besteht, ist es für unsere Zwecke vorteilhaft, eine Trennung zwischen dem 'Natürlichen' und dem 'Übernatürlichen' anzunehmen. Ersteres umfasst all jene Bestandteile der Welt, mit deren Beschreibung sich die gegenwärtigen Naturwissenschaften beschäftigen. Letzteres bezeichnet dagegen das, welches sich der Beobachtung durch den Menschen entzieht und somit bis dato beim Aufstellen unserer Modelle und Theorien nie berücksichtigt wurde." [1]


In einem Schlafzimmer, in dem sich vor einem Moment bloß ein Mann und eine Leiche befunden hatten, stand nun eine dritte Gestalt.

"Gestalt" war das passendste Wort, mit dem Jules den Neuankömmling beschreiben konnte, denn selbst in direktem Licht weigerte sich seine Silhouette, jegliche Details preiszugeben. Es schien sich um eine wogende Masse aus Dunkelheit zu handeln, die in ihrer Form an einen vollständig in eine Kutte gehüllten Menschen erinnerte und in gebückter Haltung vor dem blutbefleckten Bett stand. Aber das Befremdlichste war nicht das Aussehen. Es war das Gefühl, das sich in dem Moment, als er diese Gestalt bemerkt hatte, in den Mittelpunkt von Jules' Wahrnehmung gedrängt hatte. War es Kälte? Nein, es war irgendetwas Unbeschreibliches, auf das sein Körper instinktiv mit Gänsehaut und Kältegefühl reagierte. Und parallel dazu stieg eine neue starke Emotion aus seinem Inneren auf - Verwunderung.

Was auch immer er hier vor sich hatte, konnte nur eine Halluzination sein. Wie sonst wäre es möglich, dass er diesen dunklen Fleck mitten in seinem Blickfeld vor einer Sekunde nicht mal ansatzweise registriert hatte? Es war zu absurd, zu unlogisch, um real zu sein. Er hatte mit großer Wahrscheinlichkeit einen Schock erlitten und ...

Jules unterbrach seine eigenen Gedanken und unterdrückte das Gefühl erneut. Es war zwecklos, auf diese Weise seine geistige Gesundheit zu hinterfragen, wenn doch der Mord an Kate in einem leeren, versperrten Raum von vornherein absurd und unlogisch gewesen war. Jeder an Zweifel verschwendete Moment würde ihn nur weiter hinter die Realität zurückwerfen. Wenn er verstehen wollte, was gerade passierte, musste er sich dem Absurden stellen.

Die wogenden Schatten setzen sich in Bewegung und beugten sich näher an den Leichnam, aber gleichzeitig streckte auch Jules die Hand nach ihnen aus. Seine Finger berührten die flüssige Schwärze, er fühlte tatsächliche Kälte an ihrer Oberfläche, und einen Moment lang geschah absolut nichts.

Selbst die wellenartigen Bewegungen, die gerade noch die dunkle Gestalt bedeckt hatten, erstarrten. Eine unglaubliche Spannung erfüllte die Luft, und das seltsame Unbehagen explodierte plötzlich in eine blanke Furcht, die ihn unwillkürlich die Hand zurückziehen und einen Schritt nach hinten machen ließ. Damit erwachte auch das Meer aus Schwärze wieder zum Leben, richtete sich auf, und wandte sich, wie um über die Schulter zu blicken. Tatsächlich wurden dabei zwei rotglühende Punkte in der einförmigen Dunkelheit sichtbar, die den Eindruck von Augen erweckten, und das unerklärliche Angstgefühl bekam eine klare Quelle.

Er hatte es hier nicht bloß mit irgendeiner mysteriösen Erscheinung zu tun. Diese kalte, dunkle Masse war ein lebendes Wesen, und so simpel die roten Augen, die ihm entgegenstarrten auch sein mochten, konnte er aus ihnen doch einen scharfen, zielgerichteten Willen lesen. Den Willen von etwas, das keinesfalls menschlich war. Wie um diesen Schluss zu bestätigen, ertönte nun eine Stimme, die aus jedem Punkt der angesammelten Finsternis zu dringen schien und auf bedrohliche Weise aus ihrem Inneren widerhallte. Es war eine Stimme, die niemals aus Fleisch und Blut stammen konnte und die eine Autorität jenseits des menschlichen Verständnisses vermittelte. Dennoch waren die Worte, die sie sprach, keineswegs fremd.

"Wer wagt es, den Lauf der Natur zu stören? Ein größenwahnsinniger Magier? Dann sollte dir klar sein, dass deine Zeit noch nicht gekommen ist. Mische dich nicht in Dinge ein, die dich nicht betreffen."

Jules erstarrte verblüfft. Was dieses bizarre Wesen von sich gab, ließ es klingen, als wäre es selbst vollkommen natürlich und der Begriff "Magier" etwas ganz Alltägliches. Auch wenn Kate über ihre Forschungen sprach, klang es für ihn oft verrückt, doch immerhin konnte er ihre Aussagen noch irgendwie mit dem vereinen, was er über die Welt wusste. Die Gestalt aus reiner Finsternis vor ihm dagegen wirkte auf jede Art und Weise wie ein Produkt seiner Fantasie. Allerdings traute er seiner Fantasie nicht zu, ihm eine so realistische Halluzination vorzugaukeln, was nur noch eine Schlussfolgerung zuließ. Was er gerade erlebte, war real, und er hatte soeben eine ganze Menge neuer Fragen gefunden, die er bei nächster Gelegenheit irgendjemandem stellen musste. Doch jetzt hieß es erst, sowohl Verwirrung als auch Angst zu überwinden und der dunklen Stimme zu antworten.

"Von wegen, es betrifft mich nicht. Ich bin der Leibwächter dieser Frau. Ich weiß nicht, was du bist oder was ein Magier sein soll, aber in jedem Fall sehe ich es immer noch als meine Pflicht, dich zu fragen: Hast du sie getötet?"

Die Kopfregion der schwarzen Masse neigte sich ruhig und nachdenklich zur Seite. "Du behauptest, nicht zu wissen, was ich bin, aber dennoch nimmst du mich wahr? Wie äußerst kurios. Ein solcher Mensch ist selbst mir noch nicht untergekommen ..."

Langsam wurde Jules ungeduldig. Dafür, dass es soeben aus dem Nichts erschienen war, verhielt sich das Wesen in dieser Situation viel zu gelassen, als wäre es reine Routine, neben Leichen aufzutauchen und nahestehenden Menschen rätselhafte Ausdrücke entgegenzuwerfen. Gleichzeitig war seine Präsenz bei aller Gelassenheit unverkennbar bedrohlich.

"Beantworte einfach die Frage", presste er hervor.

"An dem aktuellen Zustand der Frau trage ich keine Verantwortung. Allerdings scheint hier ein Missverständnis vorzuliegen." Mit diesen Worten erhob die Dunkelheit sich vollständig in eine kerzengerade Säule. "Von meinem Standpunkt aus betrachtet, ist sie im Moment noch nicht tot."

Das ergab bemerkenswert wenig Sinn, fand Jules. "Und was für ein Standpunkt soll das sein? Ich bin mir ziemlich sicher, dass kein Arzt der Welt zu dem Schluss kommen würde, sie wäre noch am Leben."

"Du hast wirklich keine Ahnung, was?", erwiderte sein Gegenüber mit einem Ton, der fast etwas amüsiert klang. "In Ordnung. Mich zu sehen, ohne zu verstehen, muss verwirrend sein. Das ist auch für mich eine neue Erfahrung, also werde ich mir einen Moment nehmen, dich aufzuklären. Es beginnt mit dem sogenannten Prinzip der kosmischen Induktion ..."

"Die kosmische Induktion", unterbrach Jules das Wesen, als plötzlich ein aus Kates Erklärungen vertrauter Begriff fiel, "bezeichnet die Erzeugung von Materie durch nicht-lokalen Einfluss auf das Universum durchziehende Quantenfelder. Ich habe davon gehört."

In einer flüssigen Bewegung glitten die aufgetürmten Schatten einen Schritt näher, und die Stimme sprach weiter: "Also bist du doch weiter eingeweiht, als du zugibst. Ist dir dann auch bekannt, wodurch dieses Phänomen hervorgerufen wird und was seine Folgen sind?"

Darauf hatte er wiederum nur ein Schulterzucken parat. "Alles, was ich weiß, stammt aus den gelegentlichen Monologen der Frau, über deren Zustand wir uns gerade uneinig sind. Ich selbst bin, wie gesagt, nur ihr Leibwächter."

Die düstere Kreatur stand nun direkt vor Jules und überragte selbst seine überdurchschnittliche Größe merklich. Rot glühende Augen blickten herab, und der Widerhall aus dem Inneren der wogenden Schwärze wurde schmerzhaft lauf, als sie das Wort ergriff.

"Wo ein ausreichend fortgeschrittenes Bewusstsein ist, ist auch eine Seele. Und jede Seele versucht ständig, das Universum nach ihren Vorstellungen zu formen. Die Gedanken eines Einzelnen sind zu schwach, um irgendeine Auswirkung zu haben, aber wenn sich viele ähnliche Bewusstseinsströme überlappen, verändert sich dadurch die Realität. Das ist die kosmische Induktion - die angeborene Fähigkeit, die euch Menschen über Kreaturen der reinen Materie erhebt. Und doch scheint ihr das selbst nicht zu verstehen. Ihr lebt in Angst vor dem unausweichlichen Versagen eurer zerbrechlichen Körper, als wäre das Wesentliche an eurer Existenz das Fleisch und nicht die unsterbliche Seele. Als würden all eure Erinnerungen, all euer Wissen und all eure Vorstellungskraft nicht auch ganz ohne lebendigen Körper in dieser fortbestehen. Deswegen, Leibwächter, sage ich, dass die Frau noch nicht tot ist. Schließlich ist ihre Seele vollkommen intakt."

Jules' Augen weiteten sich schockiert, als er den aus diesen Worten strahlenden Hoffnungsschimmer erkannte.

"Du meinst also, wir könnten sie noch retten, wenn wir einfach nur ihren Körper in Ordnung bringen?"

Sofort bereute er die Frage, denn das Wesen begann zu lachen. Kein ansteckendes Lachen, das den Raum erhellte, sondern ein düsterer, unheilvoller Klang, der bis in die Knochen eindrang. Es war ein Lachen wie aus Vorfreude auf das Ende der Welt, mit dem das in Gegenwart dieser finsteren Gestalt ohnehin schon erdrückende Unbehagen noch ein Stück intensiver wurde. Erst nach einigen viel zu langen Sekunden verstummte das Lachen, und ihm folgte aus der Dunkelheit eine herablassende Verkündung.

"Du Narr. Was habe ich gerade erklärt? Die Seele glaubt nicht an ihre eigene Unsterblichkeit. Die Annahme, das Leben wäre vorbei, sobald das Herz aufhört zu schlagen und das Gehirn aufhört zu denken, ist ein tief in der menschlichen Natur verankerter Fehler. Deshalb teilt ihr alle insgeheim diese Vorstellung, dass der Geist mit dem Körper sein Ende finden muss. Und wenn Menschen eine Vorstellung teilen, verursacht die kosmische Induktion eine entsprechende Änderung der Realität."

Ein länglicher schwarzer Fortsatz, mehr Tentakel als Arm, löste sich von der Seite des kuttenartigen Körpers und legte sich vor dessen Brustgegend.

"Die Seele schuf sich selbst einen Mechanismus, der ihre erwartete Auslöschung am Ende des Lebens garantiert. Und aus diesem Grund ... bin ich."

Wie kochendes Wasser gerieten die Schatten an der Oberfläche des erhobenen Armes in Aufruhr und vermittelten Jules eine böse Vorahnung. Ohne seine Aufmerksamkeit von den Worten aus der Dunkelheit zu lösen, hielt er sich bereit, im Bedarfsfall schnell zu reagieren.

Die rot glühenden Augen verengten sich, das furchteinflößende Gefühl in der Luft spitzte sich schlagartig zu, und eine letzte machtvolle Erklärung führte alles bisher Gesagte zu einem klaren Schluss.

"Verstehst du nun, Leibwächter? Ich bin der Tod!"


Innerhalb eines Sekundenbruchteils entsprossen dem Ende des Armes vier lange fingerartige Fortsätze, die sich auf Arten verlängerten und bogen, die mit Fingern absolut nichts gemein hatten, um geradewegs auf Jules' Gliedmaßen zuzusteuern. Dieser entging dem plötzlichen Angriff dank eines sofortigen Sprungs nach links mit nichts weiter als einer am rechten Unterschenkel aufgerissenen Hose, und verarbeite in der kurzen Atempause, die ihm das verschaffte, so schnell wie möglich alle relevanten Informationen.

Das Wesen - der Tod - schien aus einer seltsamen, frei verform- und steuerbaren Dunkelheit zu bestehen, die er zumindest mit genug Zerstörungskraft einsetzen konnte, um Stoff durch eine kurze Berührung zu zerreißen. Das erweckte den Eindruck, dass ein direkter Treffer auch imstande wäre, in einen menschlichen Körper einzudringen, was wiederum die konkrete Form des Angriffs auffällig machte. Anstatt auf lebenswichtige Organe zu zielen, die dem Tod nach seinen bisherigen Worten nach durchaus bekannt sein sollten, hatte er sich auf Arme und Beine konzentriert, vermutlich mit der Absicht, Jules bewegungsunfähig zu machen. Paradoxerweise war seinem Gegner offenbar nicht daran gelegen, tödliche Gewalt anzuwenden, was einen durchaus willkommenen Vorteil darstellte.

Er war nicht ohne Grund in diese Richtung ausgewichen: Kates Schreibtisch, bedeckt mit hochwissenschaftlicher Unordnung und ausgestattet mit mehreren Schubladen, befand sich nun in Reichweite seines Arms. Aus der untersten dieser Schubladen entnahm er eilig einen billigen grauen Plastikkoffer, der einen von vielen "Notfallkoffern" darstellte, die eine deutlich paranoidere Katharina Eisner einst im ganzen Haus verteilt hatte. Darin verborgen lag neben Verpflegung und Verbandsmaterial auch das, was er im Moment am dringendsten benötigte: Waffen.

Währenddessen zog der Tod, der weder Eile noch Dringlichkeit zu spüren schien, mit geradezu abartiger Ruhe seine gestreckten Finger zurück und drehte sich in Richtung Schreibtisch, ohne sich dabei selbst vom Fleck zu bewegen.

Erneut schossen dunkle Strahlen Jules entgegen, und diesmal rollte er sich mit seinem Ausweichmanöver in die Nähe der offenstehenden Tür. Zuallererst war es notwendig, Distanz zu gewinnen. Ein schabendes Geräusch hinter ihm signalisierte den Einschlag der Finger in Tisch und Wand, doch er hatte bereits den Raum verlassen und drehte sich nun erneut zur Quelle der Gefahr um.

Rot leuchtende Augen folgten seinen Bewegungen, waren dabei allerdings langsam genug, um ihm ein Zeitfenster zum Bereitmachen der Pistole aus dem Koffer zu verschaffen. Überraschend formte sich ein zweiter Arm an der Seite des Todes und hob sich mit gestreckten Fingern in seine Richtung, doch es war zu spät.

Jules richtete die Waffe siegesgewiss auf die Brust der dunkeln Gestalt. Ein Ziel dieser Größe würde er von hier mit Sicherheit treffen.

Der Tod wirkte nicht sonderlich beeindruckt, doch seine Hand stockte dennoch.

Ohne weitere Zeit zu verlieren, feuerte Jules alles ab, was die Pistole hergab.

Acht Kugeln durchschnitten die Luft und bewegten sich auf die schutzlose Vorderseite des Todes zu.

Acht Kugeln fanden ihr Ziel in Kopf und Brust einer wogenden Masse aus Dunkelheit.

Acht Kugeln schlugen in die Rückwand des Schlafzimmers, ohne auch nur eine Lücke in der undurchsichtigen Schwärze zu hinterlassen.

Das beunruhigende Lachen des Todes wurde erneut hörbar. "Ein guter Versuch. Doch leider kann eine materielle Waffe der elementaren Dunkelheit unmöglich gewachsen sein."

Diesmal setzte Jules sich schon in Bewegung, bevor die auf ihn zielenden Finger sich streckten, und schaffte es so, sich durch die offene Badezimmertür zu retten. Doch das verbesserte die Situation nicht unbedingt, denn nun saß er dank der vergitterten Fenster in der Falle. Der einzige Weg, auch nur vorübergehend zu entkommen, führte durch den Gang hinunter ins Erdgeschoss, und das bedeutete zwangsläufig eine weitere Konfrontation mit dem Tod, der sich wahrscheinlich schon jetzt langsam näherte. Nur gab es keine wirkliche Hoffnung in einer solchen Konfrontation, wenn alle seine Waffen völlig wirkungslos waren.

Materielle Waffen und elementare Dunkelheit.

Auch diese Begriffe erinnerten ihn an etwas, das er in den letzten zwei Jahren gehört hatte.

"Das Faszinierende an der kosmischen Induktion", hatte Kate einst stolz erklärt, "ist, dass ihr Einfluss sich auch auf Felder erstreckt, die überhaupt nicht auf gewöhnliche Kräfte reagieren. Da gibt es ganze Klassen von sonst unbeobachtbarer Materie, die sich den bekannten physikalischen Gesetzen widersetzt. Elementmaterie oder Materie 2. Ordnung nennt sich das, weil diese Felder angeblich die reinere Essenz der Elemente in der materiellen Welt darstellen, aber ich glaube nicht, dass das wirklich Hand und Fuß hat. Jedenfalls haben Versuche mit kosmischer Induktion gezeigt, dass Elementmaterie beim Kontakt mit gewöhnlicher Materie 1. Ordnung praktisch beliebige Eigenschaften simulieren kann - von undurchdringlich bis unberührbar."

Natürlich hatte sie wie in den meisten Fällen nur laut vor sich hingeredet, weil sie sich über irgendein verwandtes Problem den Kopf zerbrach und ihre Ausführungen waren schnell in Details abgeglitten, denen Jules nicht ansatzweise folgen konnte, aber das Bruchstück, das sich in seinem Gedächtnis gehalten hatte, erwies sich als überraschend nützlich. Es schien praktisch auf der Hand zu liegen, dass es sich bei der Dunkelheit, die am Rand der Türöffnung bereits sichtbar wurde, um ebensolche Elementmaterie handelte. Obwohl sie in den angreifenden schwarzen Strahlen durchaus Substanz hatte, konnte sie sich zur Verteidigung genauso gut durchlässig machen, womit materielle Kugeln wirkungslos hindurchglitten. Doch was, wenn Elementmaterie auf Elementmaterie traf?

Das war nicht bloß ein Gedankenexperiment, um sich von der unliebsamen Realität abzulenken. Der Tod hatte sich jetzt vollständig vor der Tür platziert und blickte Jules direkt an, und dieser hatte die letzten Momente der kurzen Verschnaufpause genutzt, um den Notfallkoffer nach seiner eigentümlichsten Komponente zu durchtasten. Ein kleiner Beutel, in dem einige nur wenige Zentimeter durchmessende Kugeln zu spüren waren, die Kate selbst konstruiert und als "auf kosmischer Induktion basierende Waffe für absolute Notfälle" bezeichnet hatte. Und das handgeschriebene Etikett verriet, warum er gerade darin die Rettung vermutete: Elementgranaten (Feuer).

Die Kontrahenten machten sich erneut zum Zusammenprall bereit. Gedehnte Finger schossen aus der Hand des Todes auf Jules zu, der den Kippschalter einer kleinen roten Kugel betätigte und sie direkt in Richtung der herannahenden Dunkelheit schleuderte.

Kaum, dass sie seine Hand verlassen hatte, kam ein Mechanismus im Inneren der Granate in Gang und rotierte mehrere Sektionen der Kugel, sodass scheinbar willkürlich aufgetragene farbige Linien sich miteinander verbanden. Für einen Sekundenbruchteil war ein fünfzackiger Stern auf ihrer Oberfläche zu sehen, und dann brach ein Inferno in der Mitte des Raumes los. Eine Flammenkugel mit einem Durchmesser von einem Meter verschlang die gestreckten Finger des Todes, deren Spitzen nur wenige Millimeter vor Jules' Gesicht abgetrennt zu Boden fielen.

Jules atmete erleichtert auf. Zumindest das hatte funktioniert wie erhofft, und damit stiegen seine Überlebenschancen gewaltig. Jetzt hing alles davon ab, ob auch der restliche Körper des Todes auf diese Weise verwundbar war. Während die glühend roten Augen den verstümmelten Arm noch mit einem Ausdruck von mehr Interesse als Schock begutachteten, durchkreuzte die nächste Elementgranate schon den Raum und explodierte unmittelbar vor der finsteren Kreatur.

Der Tod verschwand in einem Feuerball, der nur knapp vor Wänden und Boden halt machte und die Sicht durch die Badezimmertür komplett verdeckte. Ein solches Flammenmeer, das noch dazu aus Elementmaterie - was auch immer sich hinter dem Begriff tatsächlich verbarg - bestand, konnte unmöglich irgendetwas zurücklassen. Jules musste nur einen Moment warten, bis die Explosion vorüber war, und dann konnte er sich ungestört zurück auf den Gang begeben.


So jedenfalls der Plan, doch fast sofort wurde klar, dass er nicht aufging. Als das gleißende Licht des Feuers wieder verblasste, war es zuallererst eine undurchsichtige Schwärze, die zum Vorschein kam. Nicht von versengten Überresten, sondern vom Körper des Todes, der immer noch aufrecht in der Tür stand. Er war in der Breite merklich zusammengeschrumpft und vor allem die Arme waren zu Stummeln verkommen, aber irgendwie war der zentrale Bereich der Säule der Zerstörung entgangen, die eigentlich genau dort am größten hätte sein sollen. Auch die leichten Brandspuren an den Fliesen zeugten von dieser Unstimmigkeit, denn sie spalteten sich annähernd v-förmig um den Punkt, wo die Dunkelheit in den Boden schmolz. Und vor der vertikalen Mittelachse des Todes, umfasst von zwei kurzen Händen mit nur grob angedeuteten Fingern, fand sich die wahrscheinlichste Erklärung.

Es war eine hellblaue Farbe, die sich markant vom schwarzen Hintergrund abhob und auf viel sanftere Weise strahlte als die roten Punktaugen. Die deutlich erkennbare Form einer gewaltigen Sense passte überaus gut zu einem Wesen, das sich als der Tod bezeichnete, aber das wirklich nennenswerte an dem Objekt war sein Material. Die Oberfläche wies weder die Textur von Holz noch von Metall auf, und darüber hinaus gab es keine erkennbare Trennung zwischen dem fast zwei Meter langen Stiel und dem halb so langen Sensenblatt. Sämtliche Komponenten bildeten eine makellose, durchgehende Einheit, die in ihrer Färbung am ehesten mit bläulichem Kristall zu vergleichen war, gleichzeitig aber einen fast flüssigen Eindruck machte. Subtile Muster aus hellen und dunklen Flecken bedeckten die Oberfläche und veränderten wie Wolken langsam und fortwährend ihre Form, ohne dabei eine konkrete Bewegung erkennen zu lassen.

Bevor Jules sich von dem fremdartigen Anblick losreißen konnte, löste eine der Hände sich von der Sense und wuchs blitzartig in die Länge, sodass ein einziger dicker Strang aus Dunkelheit seine Brust traf, ihn schmerzhaft von den Beinen riss, und knapp neben dem Fenster gegen die Wand presste. Seine Finger verloren den Halt um den Griff des Koffers, der nun polternd zu Boden fiel.

Der durchdringende Blick des Todes kam unter dem Sensenblatt zum Vorschein, nicht weil dessen Position sich verändert hatte, sondern weil die Augen selbst ein Stück tiefer gerutscht waren, um Sichtkontakt herzustellen. Die hallende Stimme aus der Dunkelheit erhob sich, ihr Tonfall nun leicht unterstrichen von etwas, das genau so gut Zorn wie Müdigkeit ausdrücken konnte. "Ich werde einfach nicht schlau aus dir, Leibwächter. Warum behauptest du, nichts von Magie zu wissen, nur um sie dann doch anzuwenden? Du wagst es entweder, mich dreist zu belügen, oder wurdest selbst vollkommen in die Irre geführt."

Jules verarbeitete die Worte des Todes, während die Kälte der elementaren Dunkelheit sich um seinen Nacken sammelte und einen Druck ausübte, der ihn gerade noch mit Mühe atmen ließ. Die Elementgranaten waren Magie? Man hatte ihn in die Irre geführt?

Mit alldem, was er im Lauf der Zeit von Kate aufgeschnappt hatte, war er eigentlich der Meinung gewesen, einen einigermaßen guten Überblick über den oberflächlichen Inhalt ihrer Forschung zu haben. Doch er konnte sich nicht erinnern, dass jemals das Wort "Magie" gefallen wäre. Konnte es wirklich sein, dass hinter all diesen faszinierenden, neuartigen Konzepten etwas so lächerliches und unwissenschaftliches wie Magie steckte? Hatte sie davon gewusst? Waren Kate und ihr Vater etwa selbst Magier gewesen?

Fragen über Fragen schwirrten durch Jules' Kopf, doch für den Moment musste er sich auf jene konzentrieren, auf die er eine Antwort finden konnte. Eine davon wirkte besonders dringlich, also hob er, so gut es im Griff der schwarzen Hand ging, den Arm und deutete auf die mysteriöse Sense.

"Was ... ist das?", presste er durch seine komprimierte Luftröhre heraus.

"Wissensdurst, Leibwächter?", grollte es bedrohlich aus dem Tod, aber der Druck auf Jules' Kehle löste sich etwas. "Der Einsatz von elementarem Feuer war in der Tat weit mehr, als ich von dir erwartet hatte, doch es reicht bei Weitem nicht aus, um mich zu überwinden. Denn so wie die Elemente der Materie ihren Willen aufzwingen, gibt es auch etwas, das auf einer noch höheren Ebene existiert. Daraus besteht die menschliche Seele, deren Macht Magiern ihre Kontrolle über die Elemente verdanken, und natürlich auch die Sense des Todes, die zu ihrer Ernte dient."

Um es in bekannte Begriffe zu fassen, gab es also mindestens noch ein weiteres dieser das Universum durchziehenden Felder. Und wenn jenes sich zu den elementaren Feldern verhielt wie die elementaren zu den materiellen, konnte keine Waffe der Welt Jules jetzt noch helfen. Messer, Pistolen, Bomben und alle anderen denkbaren materiellen Objekte würden die Dunkelheit durchwandern, ohne jeglichen Schaden anzurichten. Nicht mal Elementgranaten wären in der Lage, die kristallblaue Sense zu durchdringen. Sogar wenn er es trotz alldem irgendwie schaffen sollte, sich loszureißen, war eine erfolgreiche Flucht vor den schnellen und wendigen Schatten nur schwer vorstellbar.

Die Lage war, mit einem Wort, hoffnungslos.

Der Tod schien sich dessen ebenso bewusst zu sein, denn mittlerweile klang er fast fröhlich.

"Als lebender Mensch ist es nicht deine Rolle, mich zu konfrontieren, genau so wenig wie es die meine ist, dich auszulöschen. Warte einfach ruhig ab, bis ich meine Aufgabe erledigt habe, und wir werden in Frieden getrennte Wege gehen. Jedenfalls für den Moment."

Mit diesen Worten wurde Jules unsanft von der Wand losgerissen, am Tod vorbei durch die Tür gezogen, und in einem Bogen gegen eine andere Wand geschleudert. Die Wucht des Aufpralls und die schnelle Bewegung desorientierten ihn einen Augenblick, bevor ihm klar wurde, dass er sich nun genau neben dem Durchgang zur Treppe befand und am anderen Ende des Ganges direkt durch die geöffnete Tür in Kates Schlafzimmer blickte. Aber jede Möglichkeit, zu fliehen oder gar zur Leiche seiner Auftraggeberin zurückzukehren, wurde durch den Schattenarm vereitelt, der ihn immer noch fest um den Hals packte. Weitere solche Fortsätze wuchsen nun aus der schwarzen Gestalt des Todes, schossen auf ihn zu, und fixierten ebenso beide Arme und Beine. Und schlussendlich lösten sich die langen Tentakel lautlos von den handartigen Schlussstücken, die ihn so fest gepackt hatten, um wieder in den formlosen Körper ihres Besitzers zurückzukehren. So blieben es nur noch fünf kalte, schwarze Fesseln, die den Leibwächter an der Wand hielten und ihn zwangen, hilflos zuzusehen, als der Tod sich langsam von ihm entfernte.

So sehr Jules auch versuchte, sich loszureißen, so sehr er auch zog und rüttelte und die Zähne zusammenbiss, um alle Kraft heraufzubeschwören, er bekam nicht das Gefühl, auch nur den geringsten Fortschritt zu machen. Das war natürlich keine Überraschung, wenn er nur bedachte, dass die elementaren Schatten um seinen Körper keinen Grund hatten, sich von dem Druck seines materiellen Körpers aus der materiellen Wand reißen zu lassen. Aber er musste es weiter versuchen. Auch wenn sich vor seinen Augen unbestreitbar Kates Leiche befand und er damit bereits gescheitert war, konnte er nicht einfach seine Pflicht aufgeben, sie zu schützen, wenn selbst in diesem Zustand eine Gefahr bestand. Der Tod hatte klar gesagt, dass die Seele unsterblich war und das tatsächliche Ende eines Menschen erst durch sein von der kosmischen Induktion hervorgerufenes Wirken eintrat. Was bedeutete, dass Katharina Eisner hier und jetzt durchaus noch auf irgendeine Weise lebte. Doch der sensentragende Schatten war im Begriff, selbst diesen letzten Hoffnungsschimmer zunichtezumachen.

"Unsere Begegnung war auch für mich eine angenehme Abwechslung", schallte die düstere Stimme durch den Gang. "Daher werde ich dir als Abschiedsgeschenk gestatten, das Werk des Todes und das Ende einer Seele zu beobachten. Bedenke, dass dies einst auch dein Schicksal sein wird."

Verstand dieses Wesen, wie grausam sein Handeln war? Während die schwarze Säule sich am Ende des Bettes platzierte und ihre roten Augen auf den leblosen Körper richtete, konnte Jules praktisch sehen, wie ihm seine letzte Chance immer weiter entglitt. Ihm war bewusst, dass er jetzt etwas tun musste, um nicht endgültig zu versagen und Kate zu verlieren, aber gleichzeitig war er völlig bewegungsunfähig. Wenn es nur darauf hinaus lief, an seiner eigenen Machtlosigkeit zu verzweifeln, wäre es ihm lieber gewesen, den Tod nie gesehen zu haben. Hätte er nur weiter in dem Glauben gelebt, Sterben wäre eine rein körperliche Sache, wäre ihm wenigstens dieses qualvolle Ende seiner Aufgabe erspart geblieben.

Der Tod hob seine Sense.

So gut es sein eingeschlossener Nacken zuließ, schüttelte er den Kopf, wie um diese Gedanken von sich zu werfen. Wenn er jetzt aufgab, bevor es wirklich vorbei war, würde ihm das nur noch mehr zu Bereuen geben. Auch wenn das Ende nur Sekunden entfernt war und er keinen Finger rühren konnte, musste er doch jede dieser Sekunden dazu nutzen, nach irgendeinem verborgenen Ausweg zu suchen. Sein Gehirn arbeitete auf Hochtouren, um das gesammelte Wissen und die Erinnerungen von 26 Jahren aus jedem Blickwinkel zu begutachten.

Die Sense senkte sich in Kates Brust.

Die Gedanken wirbelten durch seinen Kopf und sein Herzschlag wurde unter dem wachsenden Stress immer intensiver. Er musste es schaffen, entweder die Fesseln aus Dunkelheit abzuwerfen oder dem Tod aus dieser Position Einhalt zu gebieten. Für seinen Körper alleine war sowohl das eine als auch das andere schon rein physikalisch unmöglich, aber gab es irgendetwas anderes, mit dem sich diese absolute Barriere überwinden ließ? Die Elementgranaten kamen ihm in den Sinn, aber der Inhalt des Koffers lag in weiter Ferne auf dem Boden des Badezimmers verstreut. Überhaupt hatte er bereits gesehen, dass selbst ein Angriff mit Elementmaterie dem Tod nicht gefährlich war, solange er seine Sense trug.

Eine überraschend junge Erinnerung blitzte plötzlich aus dem rasenden Strom hervor. Nur wenige Minuten war es her, dass der Tod über jene selbst der elementaren überlegene Materie gesprochen hatte, die er in seinen Händen hielt. Daraus besteht die menschliche Seele, deren Macht Magiern ihre Kontrolle über die Elemente verdanken, und natürlich auch die Sense des Todes, die zu ihrer Ernte dient.

Wie er erfahren hatte, verfügte jeder Mensch über eine Seele, und dass schloss natürlich auch ihn selbst ein. Und wenn die Seele aus der gleichen Substanz bestand wie die Sense des Todes, dann gab es in Jules' Körper sehr wohl etwas, das die elementare Dunkelheit durchtrennen, dem Tod schaden, und selbst seiner mächtigsten Waffe auf gleicher Höhe begegnen konnte.

Die Spitze einer kristallblauen Sense hob sich aus der unbeschadeten Leiche, und mit ihr kam ein ebenso kristallblauer Faden, der sich langsam zu einem leuchtenden, pulsierenden Ball aufrollte.

Es war ein vollkommen absurder Gedankengang. Vor einer halben Stunde hatte er noch nicht die geringste Ahnung gehabt, dass die Seele existierte, und nun wollte er sie einfach wie ein Taschenmesser ausklappen und sich freihacken? Das konnte unmöglich funktionieren. Nur weil sie ein Teil seines Körpers war, bedeutete das noch lange nicht, dass er sie in irgendeiner Weise bewusst kontrollieren konnte. Da zu tun wäre nicht anders als ...

Im Chaos der Gedanken explodierte ein grelles Licht, hervorgerufen durch die Kollision von gleich zwei relevanten Erinnerungen.

Die erste war grau, öde und düster, viele Jahre zurückliegend in der Zeit, bevor Jules zu Jules geworden war. Die Optik des altmodischen Studierzimmers hatte keinen bleibenden Eindruck hinterlassen, sehr wohl aber der leicht modrige Geruch der Luft und die kratzige Stimme des dürren Privatlehrers hinter dem Schreibtisch.

"Die zur Bewegung des Körpers eingesetzten Skelettmuskeln", hatte der Mann in erdrückendem Monoton aus dem Biologiebuch vorgetragen, "zeichnen sich dadurch aus, dass wir sie bewusst kontrollieren können. Im Gegensatz dazu beruhen die meisten Vorgänge im Körperinneren auf Muskulatur, die rein unterbewusst gesteuert wird, zum Beispiel die glatten Muskeln des Verdauungstraktes oder natürlich der Herzmuskel. Diese grundsätzliche Unterscheidung erklärt, warum es uns nicht möglich ist, den Herzschlag so einfach anzuhalten, wie wir den Arm heben."

Die zweite fand sich in der deutlich näheren Vergangenheit, vor kaum einem Jahr. Neben seiner Tätigkeit als Kates Leibwächter war er auch ihrem Wunsch nachgekommen und hatte sich für einige fragwürdige Experimente zur Verfügung gestellt. Natürlich war ihm bei der Idee nicht ganz wohl gewesen, aber nach sorgfältigem Bedenken der in seinem Dienstvertrag aufgestellten Bedingungen war er zu dem Schluss gekommen, dass auch das unter gewissen Umständen durchaus in den Bereich seiner Pflichten fiel. Und zu seiner Erleichterung hatte sich das, was von ihm verlangt wurde, als relativ harmlos, wenn auch seltsam, herausgestellt - Akupunkturen und Massagen nach offenbar nicht hauptsächlich auf Komfort ausgelegten Plänen, bunt gefärbte Tinkturen und Tränke, bedeutungslose Sequenzen aus Bild und Ton. Regelmäßig war er irgendeiner Kombination solcher Kuriositäten ausgesetzt worden, gefolgt von penibel dokumentierten Fragen zu seinem persönlichen Befinden. Den Sinn des Ganzen hatte er nie verstanden oder auch nur hinterfragt, aber jedenfalls war es das Erlebnis am Ende des allerletzten Experiments, das sich nun in den Vordergrund drängte.

Um eine Frage zu beantworten, deren genauer Inhalt ihm mittlerweile entfallen war, hatte er tief und gleichmäßig durchgeatmet und seine Aufmerksamkeit nach innen gerichtet. Die nächste klare Erinnerung allerdings war an Kates erschrockenes Gesicht, als er kurz darauf verwirrt und mit brummendem Schädel auf dem Boden erwacht war. Sichtlich aufgewühlt hatte sie sich wieder und wieder dafür entschuldigt, was geschehen war, allerdings ohne zu erklären, warum genau er so plötzlich zusammengebrochen war. Es hatte keine weiteren Experimente gegeben und Jules konnte nicht über irgendwelche bleibenden Beschwerden klagen, also hatte er diese rätselhafte Episode hinter sich gelassen und sich weiter auf seine üblichen Aufgaben konzentriert.

Aber jetzt, wo er im Detail zurückdachte, kamen ihm einige verschwommenen Eindrücke aus dem Moment unmittelbar vor der Ohnmacht in den Sinn, in denen womöglich eine unerwartete Rettung steckte. Er hatte begonnen, Dinge aus Regionen seines Körpers zu fühlen, an die er normalerweise kaum dachte. Eine Flut von Signalen hatte sein Gehirn erreicht, fast als ob jemand ihn plötzlich von innen überall gleichzeitig kitzelte. Er war sich des Rhythmus seines Pulses so bewusst geworden wie noch nie zuvor, bis er plötzlich verstummte. Und im allerletzten Bruchteil einer Sekunde hatte sein Bewusstsein schließlich etwas berührt, das sich gleichzeitig völlig fremd und intim vertraut angefühlt hatte.

Der kristallblaue Faden hatte vollständig Kates Brust verlassen und schwebte nun in Form einer glatten, faustgroßen Kugel direkt unter dem Sensenblatt im Raum.

Allem Adrenalin zum Trotz zwang Jules sich, langsam und kontrolliert zu atmen. Ihm war klar, dass er sich hier an eine wahnwitzige Hoffnung klammerte und sich aller Wahrscheinlichkeit nur selbst schaden würde. Aber er wusste auch, dass jetzt seine letzte Chance war und es keinen anderen Weg gab. Also ignorierte er die bedrohliche Präsenz des Todes und konzentrierte sich nur auf das, was in ihm vorging, auf der Suche nach den Gefühlen jenes Tages. Und er wurde fündig.

Das rhythmische Schlagen seines Herzens.

Die fortwährenden Bewegungen seines Magens.

Zahlreiche solcher bisher automatischen und unbewussten Aktivitäten rückten nach und nach in den Bereich seiner Wahrnehmung, und dann erreichte er den kritischen Punkt.

Diesmal verlor Jules nicht das Bewusstsein. Einige der auf ihn einströmenden neuen Eindrücke verstummten zwar kurzfristig auf beunruhigende Weise, als er sie entdeckte, aber nun verstand er, wie er darauf reagieren musste. Als er seine wahrscheinlich nur wenige Momente dauernde innerliche Reise beendete und sich wieder der Realität vor seinen Augen zuwandte, war ihm äußerlich nicht anzusehen, dass sich irgendetwas Nennenswertes verändert hatte. Selbst eine genauere Untersuchung seines Körpers hätte nichts großartig Abnormales festgestellt. Aber tatsächlich gab es einen gewaltigen Unterschied zu vorher.

Sein Herz schlug nicht. Er schlug mit seinem Herzen.

Sein Magen verdaute nicht. Er verdaute mit seinem Magen.

Seine Seele bewegte sich nicht durch seinen Körper. Er bewegte seine Seele.

Die unsichtbaren Partikel, die sich schon die ganze Zeit unbemerkt durch jede Faser seines Wesens gezogen hatten, unterwarfen sich nun seinem Willen und sammelten sich in der rechten Seite seiner Brust.

Der Tod wandte sich indes wieder zu ihm, schwenkte die Sense gemeinsam mit der an ihr fixierten pulsierenden Kugel mit sich, und sprach: "Es ist vollbracht. Erblicke, Leibwächter, die Seele der Frau, die nun ihr natürliches Ende erreicht hat."

Zeitgleich schoss ein kristallblauer Strahl, sowohl flüssig als auch fest, bedeckt von sich verändernden und doch unbewegten Mustern, am Stiel der Sense vorbei und durchbohrte den Mittelpunkt der Schattengestalt.

"Erblicke meine", erklärte Jules knapp.

Er war selbst überrascht, wie ruhig er gerade war, aber das war wohl eine natürliche Konsequenz davon, dass er sein Herz gezielt eingebremst hatte. Trotz der vielen Details, um die er sich nun gleichzeitig manuell kümmern musste, fühlte sich sein Geist erfrischend klar an.

Ebenso erfrischend war es zu sehen, wie die roten Punkte im Gesicht des Todes größer wurden und zu hören, wie ein neuer Klang in seine unmenschliche Stimme drang - ein Klang von fassungsloser Angst.

"Deine eigene Seele? Aber das kann doch nicht ... das menschliche Unterbewusstsein ..."

"Was das menschliche Unterbewusstsein sagt, interessiert mich einen Dreck. Ich habe hier eine Pflicht zu erfüllen."

Der Tod antwortete nicht, aber dafür setzte die Dunkelheit an der Oberfläche seines Körpers sich in Bewegung, und Jules erkannte, dass er schnell handeln musste. Schließlich wusste er auch nicht, wie lange es ihm noch möglich war, die Gewalt über seine Seele zu behalten. Mit einer weiteren Willensanstrengung setzte er den aus seiner Brust tretenden Strahl in Bewegung, im gleichen Moment, als ein tiefschwarzer Arm ihm entgegenschoss.

Das Ergebnis war ganz so, wie es die Hierarchie der Materie erwarten ließ. Die Seelenklinge trennte nicht nur mühelos den gerade entstandenen Fortsatz ab, sondern durchschnitt erst nach unten, dann nach oben den gesamten Körper des Todes parallel zum Stiel der Sense. Zwischen seinen glühenden Augen tat sich ein Spalt auf, bevor die beiden Hälften zusammensackten und in entgegengesetzte Richtungen zu Boden stürzen. Gleichzeitig entfuhr Jules ein würgendes Husten, als die kristallblauen Partikel in sein Inneres zurückschnellten und das Unterbewusstsein sich wieder auf seinen natürlichen Platz zurückdrängte. Ein unangenehmes Stechen in den Eingeweiden und ein widerlicher Säuregeschmack blieben als Protest gegen seinen zwanghaften Eingriff zurück, aber im Vergleich zu dem durch die Schlafzimmertür sichtbaren schwarzen Häufchen war er deutlich besser davongekommen. Nur die leuchtende Kugel, die offenbar Kates Seele war, schwebte noch immer etwa dort, wo die nun verschwundene Sense sie gehalten hatte.

Allem Anschein nach war es Jules gelungen, den endgültigen Tod seiner Auftraggeberin zu verhindern, aber konnte er sie nun auch ins Leben zurückholen? Bevor er darüber nachdachte, gab es noch eine kurzfristigere Hürde zu meistern, denn die Fesseln aus Dunkelheit lagen nach wie vor um Hals, Arme und Beine. Er musste sich wohl oder übel ein zweites Mal um den Zugriff auf seine Seele bemühen, also ignorierte er vorläufig die Sorge, dass vielleicht alles umsonst gewesen sein konnte, ebenso wie das unerklärliche Unbehagen, das die Luft erfüllte.

Doch kaum hatte er die nötige Konzentration aufgebracht, ertönte ein Lachen, das er unmöglich ignorieren konnte. Ein düsteres, hallendes Lachen, wie er es heute schon einmal gehört hatte, diesmal jedoch versetzt mit einem neuen Hauch von Schmerz. Eine primitive Panik stieg in Jules auf, als ihm klar wurde, dass der Kampf noch nicht vorbei war, und machte es ihm nur noch schwerer, den Schleier seines eigenen Unterbewusstseins zu durchdringen. So hing er hilflos da, als sich ein einziges rotes Auge in einem kleinen, unförmigen Hügel aus Dunkelheit vom Boden erhob und die schwebende blaue Kugel anvisierte. Und während er nur quälend langsam in sein Inneres vordrang, ging das Lachen über in Worte.

"Ich muss mich hier doch nicht mit einem Wahnsinnigen herumschlagen, der sich die eigene Seele herausreißt! Meine Aufgabe ist erfüllt, wenn ich nur die Verstorbene mit mir bringe!"

Ein schwarzer Arm schoss empor, legte sich wie ein Tentakel um Kates Seele, und brachte die gleichförmig leuchtende Spitze einer Sense hervor. Kristallblau traf auf Kristallblau, und endlich schoss auch aus Jules' Handgelenken dieselbe Farbe hervor, um gleichzeitig die dortigen Fesseln zu zerschmettern und den Körper des Todes zu durchstoßen. Aber es war bereits zu spät.

Mit einem regenbogenfarbenen Lichtblitz verschwanden auf einen Schlag der Tod, seine Sense, und auch die daran befestigte Seele. Die fließenden Schatten der erhobenen rechten Körperhälfte wurden ersetzt durch eine lose Wolke bunter Partikel, die sich sogleich auflösten, währen die bewegungslos zurückgebliebene linke spurlos im Boden versickerte.

Von einer Sekunde auf die nächste war Jules völlig allein.


Auch die verbleibenden Fesseln waren spurlos verschwunden, sodass ihn nichts mehr davon abhielt, aller Kraft beraubt auf den Boden zu sacken.

Eine Zeit lang lag er regungslos da, ohne auch nur wirklich einen Gedanken zu formen. Die eigenartige Spannung in der Luft, die den Tod umgeben hatte, war nun nicht mehr zu spüren, doch die Stille, die er zurückgelassen hatte, fühlte sich fast noch erdrückender an. Und nun, da die Aufregung vorbei war und das Unterbewusstsein wieder gänzlich auf gewohnte Weise arbeitete, machte sich die Erschöpfung bemerkbar. Eine Welle von Müdigkeit und Übelkeit rollte langsam über Jules hinweg, wie um ihn gegen die kalten Fliesen gepresst zu halten.

Und dann kamen die Gedanken. Obwohl er lebend aus einer Konfrontation mit dem Tod selbst hervorgegangen war, konnte er das hier nicht als Erfolg bezeichnen. Er musste nur mit etwas Mühe den Kopf heben, um durch die Schlafzimmertür direkt auf Kates leblosen Körper zu blicken. Äußerlich konnte er zwar nichts finden, was sich an der Leiche verändert hatte, aber wenn er in ihre starr aufgerissenen Augen sah, bekam er das deutliche Gefühl, nur noch eine leere Hülle vor sich zu haben. Sie war nicht nur tot, sondern auch ihre Seele war nun verloren. Er hatte weder das eine noch das andere verhindern können. Als Leibwächter hatte er damit gleich doppelt versagt.

Aber was bedeutete das konkret? Es bedeutete, dass dem Leben, wie er es die letzten zwei Jahre gekannt hatte, ein jähes und freudloses Ende bevorstand. Er würde nie wieder in diesem Haus wohnen, nie wieder den verblüffenden Ausführungen einer selbst ernannten verrückten Wissenschaftlerin lauschen, und sie nie wieder mit wachsamen Augen in die Außenwelt begleiten. All das waren Dinge, die nur möglich waren, solange es eine Katharina Eisner gab, die er zu beschützen hatte. Aber je mehr er über die Vergangenheit und Gegenwart nachdachte, die er nicht hatte retten können, desto mehr nahmen Trauer und Schuldgefühle überhand, also richtete er seinen Fokus bewusst auf die Zukunft. Diese bestand natürlich darin, zum Market zurückzukehren, aber davor gab es noch etwas Unmittelbareres zu erledigen. Seine Auftraggeberin war zwar tot, aber ganz war seine Arbeit noch nicht beendet, denn in einem Punkt weilte ihr Wille sehr wohl noch auf dieser Welt.

Langsam stand Jules auf, stützte sich kurz an der Wand ab, um das letzte Schwindelgefühl loszuwerden, und betrat dann wieder Kates Schlafzimmer. Er positionierte sich mit dem blutbefleckten Bett und dem seelenlosen Körper im Rücken vor dem Schreibtisch, aus dessen immer noch offenstehender unterster Schublade er die Elementgranaten entnommen hatte. Diesmal öffnete er aber, nachdem er aus seiner Hosentasche den entsprechenden Schlüssel hervorgekramt hatte, das flache oberste Fach, in dem sich neben allerlei Schreibwerkzeug genau das fand, wonach er suchte: Ein Brief.

Schon zu Beginn ihrer Zusammenarbeit hatte eine dereinst noch deutlich paranoidere Katharina Eisner als Vorsorge für den Fall ihres Ablebens letzte Anweisungen an ihren Leibwächter zurückgelassen. Der genaue Inhalt war ihm unbekannt, aber jetzt war unverkennbar der Zeitpunkt gekommen, sich damit zu beschäftigen. Behutsam öffnete Jules das unversiegelte Kuvert, entnahm ein doppelseitig beschriebenes Papier, und begann still zu lesen.

Mein werter Leibwächter,

dass du diese Zeilen liest, muss eines von zwei Dingen bedeuten: Entweder bist du viel zu neugierig und hast Probleme, dich an Abmachungen zu halten, oder ich bin unglücklicherweise verstorben. In beiden Fällen bin ich schwer enttäuscht von dir, aber vermutlich fühlst du dich schon schlecht genug, also werde ich nicht weiter darauf rumreiten.

Die tadelnden Worte stachen seinen verletzten Stolz, doch gleichzeitig stahl sich ein amüsiertes Lächeln auf sein Gesicht. Diese scherzhaften, aber auch übermäßig direkten Eröffnungszeilen bei einer Nachricht, die nur für die ernsteste aller Situationen gedacht war, entsprachen ganz Kates Stil.

Ich will davon ausgehen, dass du das hier tatsächlich erst nach meinem Tod siehst, auch wenn ich ebenjenen an sich lieber vermeiden würde. Nun also zu den wichtigen Dingen.

Ich weiß nicht, wie lange mein Leben nach dem Verfassen dieses Briefes noch angedauert hat. Möglicherweise hat sich meine Meinung in einigen Punkten tatsächlich geändert, aber ich werde mich bemühen, entsprechende Korrekturen und Ergänzungen hinzuzufügen. Jedenfalls zu diesem Zeitpunkt habe ich vor, dir zwar einige Details meiner Forschung anzuvertrauen, nicht aber ihre vollen Hintergründe. Dabei handelt es sich um Dinge, die du nicht wirklich zu wissen brauchst - Dinge, bei denen es mir manchmal selbst lieber wäre, sie nicht zu wissen. Aber nun, da ich tot bin, bleibt dir keine Wahl, als davon zu erfahren, denn du wirst alles Wissen für das brauchen, was dir bevorsteht. Ich hoffe, du kannst mir alles verzeihen, was ich dir vorenthalten habe, und auch alles, mit dem ich dich nun belasten werde.

Verwundert und etwas besorgt hob Jules eine Augenbraue. Was sollte ihm noch bevorstehen? Diese Formulierung wirkte fehl am Platz, wo er sich doch eindeutig am Ende seiner Zeit als Kates Leibwächter befand. Außerdem schrieb sie, dass sie ihm tatsächlich etwas vorenthalten hatte, ganz wie vom Tod angedeutet. Und das bezog sich aller Wahrscheinlichkeit nach auf den Begriff, der in der nächsten Zeile als sauber unterstrichene Überschrift stand und sofort seine Aufmerksamkeit bannte.

1) Magie

Also hatte sie davon gewusst.

Ich habe mich dir gegenüber als Wissenschaftlerin bezeichnet, und dazu stehe ich nach wie vor. Was mein Vater und ich erforscht haben, mag sich zwar über die Konzepte der uns bekannten Physik erheben, aber es handelt sich dennoch um feste Regeln, an denen sich das Universum ausrichtet. Das Streben nach einem besseren Verständnis dieser Regeln und der praktischen Nutzung von durch sie verursachten Phänomenen kann nichts anderes sein als ein rein wissenschaftliches Thema.

Doch nicht alle teilen diese Sichtweise. In der Tat ist "Magie" ein Name, unter dem solche besonderen physikalischen Gesetze schon seit geraumer Zeit einem kleinen Ausschnitt der Menschheit bekannt sind. Diese sogenannten "Magier" bilden ein den ganzen Erdball umspannendes Netzwerk, in dem geheime Techniken von Generation zu Generation weitergegeben werden, aber die Weiterentwicklung dieser Techniken wird nur sehr begrenzt gefördert oder gar geduldet. Es war ein mit diesem Zustand unzufriedener Magier, der meinem Vater die Dokumente zuspielte, auf denen seine und schlussendlich auch meine persönliche Forschung beruhte. Dieser Kontakt machte es uns Außenstehenden möglich, die vermeintliche Magie einer unabhängigen und uneingeschränkten Analyse zu unterziehen - zumindest hinter verschlossenen Türen.

Fast zu seiner eigenen Überraschung fühlte Jules sich selbst erleichtert aufatmen. Die Existenz einer weltweiten Geheimgesellschaft war zwar eine schockierende Enthüllung an sich, aber als Bediensteter des Market fielen solche Dinge durchaus in den Rahmen des Verständlichen und Greifbaren. Er war nur froh zu erfahren, dass es sich bei Magie nicht etwa um unerklärliche okkulte Rituale handelte, sondern schlicht und einfach einen altmodischeren Namen für all das, was er im Lauf der letzten Jahre schon von Kate gehört hatte. Mit gefestigtem Weltbild fuhr er zum nächsten Absatz fort. 2) Die Natur des Universums

Der Vorgang, der sich "kosmische Induktion" nennt, gehört zu den Dingen, die ich dir sicher noch enthüllen werde (und zu dem Zeitpunkt, zu dem du dies liest, habe ich es vermutlich schon getan). Was ich allerdings nicht vorhabe zu verraten, sind die weitreichenden Konsequenzen dieses simplen Mechanismus. Einerseits, weil sie nicht im Mittelpunkt meiner Forschungen stehen, und andererseits, weil dieses Wissen die Sicht auf die Realität unumkehrbar verändert.

Beginnen wir mit dem Raum - ein dreidimensionales Konstrukt, ergänzt nur durch die mit ihm verflochtene, aber konzeptuell getrennte vierte Dimension der Zeit. Dieses Bild präsentiert sich auch bei genauester Beobachtung und hat sich so praktisch als Allgemeinwissen etabliert, aber tatsächlich lässt sich aus ganz bestimmten Blickwinkeln etwas Zusätzliches entdecken: Eine fünfte, raumartige Dimension, durch die sich kaum etwas bewegt und die so unerkannt bleibt. Der dreidimensionale Raum, der für uns das "Universum" darstellt, ist in Wahrheit nur eine von vielen Schichten eines weitaus größeren Universums (Magier würden diese Schicht als den 1. Kosmos bezeichnen). Und die anderen Schichten, oder Kosmen, sind keineswegs leer, denn der Einfluss der kosmischen Induktion zählt zu den wenigen Dingen, die sich auch durch die zusätzliche Raumdimension bewegen. Der stärkste Treiber der kosmischen Induktion ist wiederum die kollektive menschliche Vorstellungskraft (genauer gesagt Bewusstseinsströme, auf deren Details ich hier aber nicht eingehen will), was in Summe bedeutet, dass praktisch jede einigermaßen verbreitete Idee irgendwo im Universum real ist.

So viel zu seinem gefestigten Weltbild.

Schon der Gedanke, das ihm bekannte Universum wäre nur ein winziger Teil von etwas viel Größerem, war überwältigend und zutiefst beunruhigend. Aber selbst das wurde von der unmittelbar folgenden Information in den Schatten gestellt. Praktisch jede einigermaßen verbreitete Idee war irgendwo im Universum real? Jules ließ sich einige Beispiele durch den Kopf gehen, um sich wirklich bewusst zu machen, was das bedeutete.

Es bedeutete, dass Gott existierte. Nicht nur ein Gott, sondern jeder Gott. Genau wie sämtliche Figuren der griechischen, nordischen, und aller anderen erdenklichen Mythologien. Ebenso farbenfrohe Kreaturen aus Kinderbüchern, mächtige Zauberer aus Fantasy-Romanen, und massive außerirdische Zivilisationen aus Science-Fiction-Filmen. Und natürlich auch der Tod.

Ohne dieses letzte Beispiel wäre es ihm wohl schwer gefallen, diese absolut lächerliche Behauptung ernst zu nehmen. Aber jetzt, wo er gerade erst selbst einem Wesen begegnet war, das nur als real gewordenes Produkt der Fantasie zu bezeichnen war, konnte er keinen stichhaltigen Grund finden, daran zu zweifeln. Mit einem neuen mulmigen Gefühl im Bauch, das ihn wohl noch lange begleiten würde, las er weiter und kam zu einer Überschrift, die farblich leicht vom bisherigen Text abwich. Vermutlich handelte es sich dabei um eine der schon in der Einleitung angedeuteten Ergänzungen.

3) Die Experimente an dir

Die Erinnerung an das Ende besagter Experimente hatte dazu beigetragen, dass er seine Seele kontrollieren und den Kampf gegen den Tod aufnehmen konnte, was sein Interesse an einer Erklärung so groß wie noch nie machte.

Diese Zeilen schreibe ich nieder am Abend nach dem Experiment, das unser letztes bleiben wird. Ich weiß, ich habe das schon persönlich getan, aber ich möchte mich im Nachhinein noch einmal aufrichtig entschuldigen. Obwohl ich wusste, dass der Prozess für dich ein möglicherweise tödliches Risiko birgt, habe ich dir das verschwiegen und einfach darauf vertraut, dass schon alles gut gehen würde. Selbst wenn nicht, hatte ich mir von Anfang an eingeredet, dass ich im schlimmsten Fall nur dem Market die vertragsgemäße Entschädigung zahlen müsste, um alles zu bereinigen. Erst in dem Moment, als du dann zusammengebrochen bist, wurde mir wirklich klar, dass so etwas weder dein Leben aufwiegen noch mein Gewissen entlasten könnte. Deshalb bin ich unglaublich erleichtert und dankbar, dass du wieder aufgewacht bist, und möchte nur ein weiteres Mal sagen: Es tut mir leid.

Mit den wiederholten Entschuldigungen fühlte Jules sich fast zurückversetzt an den Tag des Vorfalles, aber im Gegensatz zu der damaligen Verwirrung war es nun vor allem eine gewisse Empörung, die in ihm aufstieg. Es war abzulesen, dass Kate ihr Handeln aufrichtig bereute, aber das änderte nichts daran, dass sie ihn wissentlich und stillschweigend in Todesgefahr gebracht hatte, als wäre er nur ein entbehrliches Versuchskaninchen. Neben seinem allgemeinen Weltbild war nun auch das Vertrauen in seine Auftraggeberin erschüttert, aber mittlerweile hatte auch das keine wirkliche Bedeutung mehr.

Ich schätze, du hast es verdient, zumindest nach meinem Ableben zu erfahren, für welchen Zweck ich dir das angetan habe. Diese Serie von Experimenten ging ursprünglich aus der Forschung meines Vaters hervor, da er sich eingehend mit dem Zusammenhang zwischen dem menschlichen Geist und der Seele beschäftigte. "Seele" ist mal wieder ein etwas okkulter Begriff, der aus den Reihen der Magier stammt, aber im Prinzip steckt dahinter nur ein aus besonderer Materie bestehendes, unmessbar im Körper verteiltes Organ, das uns als Schnittstelle zu "übernatürlichen" Phänomenen wie der kosmischen Induktion und Materie 2. Ordnung dient. Und wie die meisten Organe erfüllt sie ständig allerlei Funktionen, von denen wir gar nichts mitbekommen. Ist es eventuell möglich, auf diese Funktionen Einfluss zu nehmen? Dieser Forschungsfrage nachgehend sammelte mein Vater allerlei Methoden, das Unterbewusstsein im Allgemeinen zu beeinflussen, und an dir habe ich diese schließlich ausprobiert. Aber die unterbewusste Steuerung betrifft natürlich auch andere lebenswichtige Organe, und vermutlich hat die angesammelte Einmischung in diese Automatik dann zu einer Fehlfunktion geführt. Zum Glück war es scheinbar nur ein kurzfristiges Problem, und ich hoffe wirklich, das es mit dem Ende der Experimente von jetzt an auch nicht wieder auftreten wird.

Das passte zu dem, was er soeben erlebt hatte. Es klang nicht, als hätte Kate vorhergesehen, dass aus ihren Experimenten eine vollendete Fähigkeit zur Kontrolle der eigenen Seele hervorgehen würde, also konnte er wohl von Glück reden, dass sich die Dinge so ergeben hatten. Auch wenn er letztendlich selbst mit dieser Fähigkeit nicht imstande gewesen war, irgendetwas auszurichten.

Einem wieder mit dem ursprünglichen Stift an den unteren Seitenrand geschriebenen Hinweis folgend drehte Jules das Blatt um. Die Rückseite enthielt nur einen kurzen Absatz und etwas, das wie ein Gebäudeplan aussah.

Nun ist also Zeit für deine letzte Aufgabe als mein Leibwächter gekommen. Wie auf dem hier abgebildeten Plan eingezeichnet, befindet sich in der Rückwand des großen Lagerraums im Keller dieses Hauses eine geheime Tür. Um sie zu öffnen, musst du nur den Schalter hinter der dritten Etage des Regals auf der rechten Seite dreimal drücken. Wenn du dann hindurchgehst, wirst du in der Mitte des Raumes dahinter einen alleinstehenden Apparat finden. Lege deine Hand auf diesen und betätige den roten Knopf. Weitere Informationen wirst du im Anschluss daran erhalten.

Viel Glück.

An diesen Anweisungen wirkte so ziemlich alles seltsam, und erneut musste er sich wundern, ob er Kate wirklich vertrauen sollte. Die Art, wie der Brief geschrieben war, ließ es ganz so klingen, als würde auf das Drücken des besagten Knopfes etwas folgen, das er im Moment noch kaum erahnen konnte. Eine Weile bekriegten sich in seinem Inneren Vorsicht und Berufsethos, aber schließlich gab die Vorsicht nach. Er hatte bereits einmal seine Pflicht vernachlässigt und Kate damit in den Tod geschickt. Dann hatte er auch noch eine einzigartige Gelegenheit verspielt, diesen Fehler wiedergutzumachen. Nachdem all das geschehen war, konnte er unmöglich einfach alles mit einem Vertragsbruch beenden und weglaufen, nur weil er sich vor etwas Risiko scheute.


Das mal dahingestellt, war es natürlich immer noch ratsam, die Sache vorsichtig anzugehen. Er wusste zwar nicht, was genau ihm angeblich bevorstand, aber Kate hatte es für notwendig gehalten, ihm als Vorbereitung die Geheimnisse der Magie und der kosmischen Induktion zu offenbaren. Das deutete zumindest darauf hin, dass es sich um nichts Alltägliches handelte. Und obwohl seine Seele wahrscheinlich ein effektives Mittel gegen jede erdenkliche Gefahr darstellte, war er sich nicht sicher, ob er wirklich imstande war, sie erneut hervorzubringen, ohne dass dabei etwas schief ging. Jedenfalls in seinem geistig erschöpften Zustand schien es nicht, als könnte er die notwendige Konzentration aufbringen. Also bog er zuallererst ins Badezimmer ein und bewaffnete sich mit den verbleibenden Elementgranaten aus dem dort immer noch liegenden Notfallkoffer. Dann kehrte er auf den Gang zurück, warf einen letzten reuvollen Blick auf die Leiche, und betrat die Treppe ins Erdgeschoss.

Auf dem Weg holte er sein Handy aus der Tasche, um sich der nächsten Notwendigkeit anzunehmen. Kate war zwar seine direkte Auftraggeberin gewesen, aber gleichzeitig stand er im Dienst des Market und hatte damit auch jener Organisation gegenüber gewisse Verpflichtungen. In diesem Fall bedeutete das, an eine ganz bestimmte Nummer eine Nachricht zu senden, in die er auf den altmodischen Tasten des klobigen Mobiltelefons ganz bestimmte Textbausteine eintippte.

Ergebnis negativ. Klient tot. Bereinigung notwendig.

Damit signalisierte er kurz und knapp sein Scheitern und leitete die darauffolgenden Schritte in die Wege. Noch im Laufe der Nacht würde ein spezialisiertes Team hier erscheinen, um alle Beweise zu entfernen und es so aussehen zu lassen, als wäre Katharina Eisner nur spontan umgezogen, ohne dass der Market irgendwie beteiligt gewesen wäre. Ein wenig sorgte er sich darum, was dann mit ihrem Körper und den Aufzeichnungen über ihre Forschung geschehen würde, aber darüber konnte er nachdenken, wenn er seine Aufgabe fertig erfüllt hatte und selbst zurückgekehrt war.

In der Küche angekommen öffnete er die etwas verborgen gelegene Kellertür und folgte den Stufen weiter bergab. Der Lichtschalter klickte, die Neonröhren flackerten kurz auf und erleuchteten dann den großen, aber niedrigen Lagerraum.

Von Boden bis Decke waren die Wände mit Regalen verkleidet, dicht besetzt von Vorräten aller Art - Essen, Werkzeuge, Notizzettel, eigenartige Modelle und Gerätschaften und noch vieles mehr. Selbst der Boden blieb nur insofern verschont, als es für den ungehinderten Zugriff auf die eigentlichen Regale erforderlich war. Die einzige nennenswerte Lücke war an der Rückwand, wo sich eine kahle Steinmauer bestaunen ließ. Wenn der Brief recht behalten sollte, war dieser freie Platz einer Geheimtür gewidmet. Und tatsächlich ertastete Jules, als er seine Hand an einer relativ freien Stelle hinter die dritte Etage des rechten Regals schob, eine Erhebung. Dreimal drückte er auf diese, dreimal gab sie nach, und sofort ertönte ein schrilles Pfeifen.

Eine steinfarbige Schiebetür glitt zur Seite, während dahinter eine kahle Lampe zu strahlendem Leben erwachte. Sie beleuchtete einen möbel- und fensterlosen Raum, in dem sich nichts befand, als ein mittig platziertes Podest, auf dem ein eiserner Würfel thronte. Der Position und dem markanten roten Knopf nach zu urteilen war das wohl der Apparat.

Bevor Jules den Raum betrat, ließ er noch mal sorgsam den Blick über die Regale wandern und fand bald, was er düster in Erinnerung gehabt hatte: eine alte Kartonschachtel, beschriftet mit "Elementgranaten". Nur um noch einmal auf Nummer sicherzugehen, griff er hinein und fügte dem Arsenal in seinen Taschen eine weitere Handvoll kleiner Kugeln hinzu. Im Gegensatz zu den roten aus dem Koffer umfasste diese bunte Mischung auch blaue, braune, hellgraue, schwarze und gelbe Kugeln, vielleicht als Markierung für unterschiedliche Elemente. Es war gut vorstellbar, dass diese Variation bei eventuell noch anstehenden Herausforderungen von Nutzen sein würde. Zufrieden steckte er die Granaten in seine Manteltasche und betrat endlich den Geheimraum.

Er stand nun direkt vor dem geheimnisvollen Würfel, dessen metallene, graue Oberfläche nur von dem Knopf an der Vorderseite unterbrochen wurde. Wie im Brief beschrieben, legte Jules seine Hand auf die Oberfläche des Würfels, aber nun, da er nur noch den Knopf drücken musste, kamen ihm erneut Zweifel. Eine innere Stimme wies ganz richtig darauf hin, dass niemand etwas merken würde, wenn er jetzt den Raum verlies und alles vergas. Doch er weigerte sich, dem Gehör zu schenken.

Auch wenn es nicht unvernünftig war, sich unter diesen verdächtigen Umständen zurückzuhalten, schien Vernunft angesichts der jüngsten Ereignisse nicht mehr wie der zielführendste Maßstab. Er hatte sich bereits entschieden, seine Pflicht wenigstens in diesem letzten Punkt ordentlich zu erfüllen, und außerdem wollte er der verstorbenen Kate nicht gedanklich vorwerfen, ihn böswillig in eine Falle zu locken. Gewisse Enthüllungen hatten zwar etwas an seinem Vertrauen genagt, aber er glaubte immer noch, im Verlauf der letzten zwei Jahre ein gutes Verständnis für ihren Charakter entwickelt zu haben. Was auch immer passieren würde, es würde nichts sein, womit er nicht fertig werden konnte.

Mit diesen Überlegungen sammelte Jules seinen Mut und betätigte den roten Knopf. Ein Surren ertönte, die Tür hinter ihm begann sich zu schließen, die Oberfläche des Würfels erstrahlte in allen Farben des Regenbogens, und die Welt verschwand.


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